Auf einem der typischen Londoner Doppeldeckerbusse wird auf die Maskenpflicht hingewiesen. | AFP

Großbritannien Delta-Variante könnte Lockerungen verzögern

Stand: 07.06.2021 19:06 Uhr

Ab Ende Juni sollte in Großbritannien wieder Normalität einkehren. So wollte es die britische Regierung. Aber die sich ausbreitende hochansteckende Delta-Variante des Coronavirus könnte einen Strich durch die Rechnung machen.

Von Imke Köhler, ARD-Studio London

In England richten sich alle Blicke auf den 21. Juni - denn dann, so hatten viele gehofft, würden alle gesetzlichen Restriktionen zum Schutz vor Corona wegfallen. Angesichts der zuerst in Indien nachgewiesenen Delta-Mutante steht das Vorhaben aber auf der Kippe. Die beste Schätzung, was den "Wachstumsvorteil" der Delta-Variante angehe, liege bei 40 Prozent, sagte der britische Gesundheitsminister Matt Hancock dem Sender BBC. Das heißt, die Variante ist um 40 Prozent infektiöser als die bisher vorherrschende Alpha-Variante, die bereits deutlich ansteckender ist als das ursprüngliche Coronavirus.

Imke Köhler ARD-Studio London

Bei einer derart erhöhten Übertragbarkeit könne es zu noch mehr Krankenhauseinlieferungen kommen als im Januar, hatte der wissenschaftliche Krisenberaterstab Mitte Mai gesagt.

In diesem Punkt gibt es inzwischen aber Entwarnung. Denn es zeigt sich, dass zumindest diejenigen, die vollständig gegen Covid-19 geimpft sind, also zwei Impfdosen erhalten haben, auch bei der Delta-Variante gut geschützt sind. So betreffen drei Viertel der Infektionen mit der Delta-Variante Personen, die bisher noch überhaupt nicht geimpft wurden.

Regierung soll schon jetzt für Klarheit sorgen

Die Zahl der Corona-Fälle sei leicht gestiegen, aber die Zahl der Krankenhauseinweisungen bleibe weitgehend gleich, erklärte Hancock. Dem widerspricht allerdings der frühere wissenschaftliche Chefberater der Regierung, Sir David King. Er sagte dem Sender Sky News, dass die Zahl der Krankenhauseinweisungen bei 932 pro Tage liege, 65 mehr als vergangene Woche. Damit sei die Lage nicht stabil, denn die Zahl steige, wenn auch langsam. King fordert daher, dass die Regierung jetzt schon Klartext reden und die für den 21. Juni erwartete Aufhebung aller gesetzlichen Restriktionen verschieben sollte.

Die britische Regierung will allerdings erst kommende Woche eine Entscheidung treffen. Zudem weist sie daraufhin, dass der 21. Juni niemals ein gesetztes Datum war, sondern immer der frühestmögliche Zeitpunkt, zu dem alle Vorschriften aufgehoben werden könnten.

"Wir müssen das Impfprogramm verstärken"

Ravindra Gupta, Professor für klinische Mikrobiologie an der Cambridge University, plädiert dafür, die komplette Öffnung um mindestens zwei Wochen zu verschieben. Das sei besser, als einen neuen Lockdown zu riskieren.

"Wir müssen bedenken - und das wird häufig vergessen - dass das Virus immer weiter mutiert und besser wird, unsere Schutzmaßnahmen zu umgehen", sagte der Mikrobiologe. Je mehr Übertragungen stattfänden, umso größer sei die Gefahr, dass neue Varianten entstünden. "Um das Virus langfristig zu unterdrücken, müssen wir das Impfprogramm verstärken und die Ansteckung begrenzen. Und Letzteres tun wir nicht in genügendem Maße."

Gesundheitsminister Hancock will nicht ausschließen, dass über den 21. Juni hinaus in Geschäften und öffentlichen Verkehrsmitteln Masken getragen werden müssen und dass man nach wie vor nur eine begrenzte Zahl an Personen in Innenräumen treffen darf.

Die Meinung der Briten dazu ist unterschiedlich. Abstand halten und Maske tragen zu müssen, fände sie ein bisschen viel des Guten, meint eine Frau. Ihr Mann hätte allerdings nichts dagegen, wenn angesichts der Delta-Variante die letzte Lockerungsstufe erst im Juli käme.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 08. Juni 2021 um 07:05 Uhr.