Lkw stehen auf einem Parkplatz im britischen Cobham (Archivbild) | REUTERS

Lieferprobleme in Großbritannien Arbeitsvisa für Tausende Lkw-Fahrer

Stand: 26.09.2021 04:24 Uhr

Die britische Regierung erleichtert die Ausgabe von Visa für Lkw-Fahrer. Insgesamt sollen so 10.500 ausländische Fachkräfte ins Land geholt werden, um Lieferengpässe bei Benzin und Lebensmitteln abzustellen.

Wegen Lieferproblemen mit Lebensmitteln und Benzin in Großbritannien hat die Regierung ausnahmsweise 10.500 Arbeitsvisa für ausländische Fachkräfte genehmigt. Damit sollen 5000 Lastwagenfahrer und 5500 Arbeiter für die Geflügelverarbeitung ins Land geholt werden, wie das Verkehrsministerium mitteilte. Mit der Übergangsregelung sollen sie bis Heiligabend in Großbritannien arbeiten können.

Armee soll Fahrlehrer abstellen

Die Visa sollten von Oktober an verfügbar sein, sagte Verkehrsminister Grant Shapps. Die Ausnahmegenehmigung solle "sicherstellen, dass die Vorbereitungen für die Weihnachtszeit im Plan bleiben", sagte er.

Shapps kündigte zudem ein Maßnahmenpaket an, um die Zahl der einheimischen Lkw-Fahrer kurzfristig zu erhöhen. Unter anderem sollen Fahrprüfer des Verteidigungsministeriums aushelfen, um in den kommenden zwölf Wochen zusätzliche Fahrprüfungen anbieten zu können. Das Bildungsministerium soll bei der Ausbildung helfen. Auch kostenlose Umschulungen werden angeboten. Insgesamt sollen 50.000 Fahrprüfungen pro Jahr zusätzlich möglich werden. Außerdem sollen fast eine Million Briefe an Kraftfahrer verschickt werden, die einen Lkw-Führerschein haben, aber gerade nicht fahren. Geworben werden soll mit höheren Löhnen, fixen Arbeitszeiten und besseren Arbeitsbedingungen.

Die Regierung erhofft sich von dem Schritt, vor dem Fest wieder Supermarktregale und Spielzeugläden aufzufüllen. "Nach sehr schwierigen 18 Monaten weiß ich, wie wichtig dieses Weihnachtsfest für uns alle ist, und deshalb unternehmen wir diese Schritte zum frühestmöglichen Zeitpunkt, um sicherzustellen, dass die Vorbereitungen auf Kurs bleiben", sagte Shapps.

Kehrtwende des Premierministers

Die Ankündigung ist eine klare Abkehr von der restriktiven Einwanderungspolitik von Premierminister Boris Johnson seit dem Austritt aus der EU. Johnson hatte Visa-Ausnahmen bisher strikt abgelehnt, obwohl Logistikfirmen und Einzelhändler dies schon schon seit Monaten fordern. Er wolle Großbritanniens Abhängigkeit von ausländischen Arbeitskräften beenden, hatte Johnson seine Ablehnung begründet.

Auslöser für den Sinneswandel waren laut den Berichten Probleme bei Benzinlieferungen an Tankstellen. "Johnson hat die schlechten Schlagzeilen völlig satt und möchte, dass es gelöst wird, er schert sich nicht mehr um Visaregeln", zitierte die "Financial Times" einen "Verbündeten" des Premierministers.

Blockierte Zapfhähne einer Tankstelle | picture alliance / empics

In vielen Tankstellen ist derzeit die Ausgabe von Treibstoff limitiert. Bild: picture alliance / empics

100.000 Trucker fehlen

In Großbritannien fehlen nach Schätzungen des Branchenverbands Road Haulage Association etwa 100.000 Lastwagenfahrer. Deshalb kam es vielerorts zu Engpässen und leeren Supermarktregalen. Das ist vor allem darauf zurückzuführen, dass viele Trucker nach dem Brexit auf den europäischen Kontinent zurückgekehrt sind. Zudem hatte die Corona-Pandemie die Ausbildung und Prüfungen neuer Fahrer behindert.

Seit dem Brexit müssen sich EU-Bürger, die wegen einer Arbeit nach Großbritannien ziehen, teure Visa besorgen. Auch andere Branchen wie die Fleischhersteller klagen über einen eklatanten Fachkräftemangel.

Tankstellen geht der Sprit aus

Die Energiekonzerne BP und Esso konnten wegen des Fahrermangels einige Tankstellen nicht mehr mit Kraftstoff versorgen. Vor einigen Tankstellen bildeten sich lange Schlangen, nachdem die Lieferprobleme bekannt wurden. Die Energiekonzerne BP und Esso schlossen einige Tankstellen, an anderen gab es entweder nur noch Benzin oder Diesel. Der Betreiber EG Group führte an den Zapfsäulen eine Obergrenze von 30 Pfund (35 Euro) je Kunde ein. Die Regierung betonte, Panikkäufe seien nicht notwendig. "Es gibt keinen Kraftstoffmangel", twitterte Kabinettsmitglied Nadine Dorries.

Während Wirtschaftsvertreter einräumen, dass der Brexit ein Grund für die angespannte Lage ist, weist die Regierung einen Zusammenhang zurück. Die Pandemie habe die Situation verschärft, sagte Minister Shapps. Zuvor habe es in Großbritannien allerdings bereits Probleme gegeben. Shapps nannte eine alternde Belegschaft, niedrige Löhne und schlechte Bedingungen auf Autohöfen.

Wirtschaft reagiert mit Zustimmung und Skepsis

Vertreter der Logistikbranche sowie der Nahrungsmittelindustrie begrüßten die Regierungspläne. Zugleich machten sie deutlich, dass die insgesamt 10.500 Fachkräfte nicht ausreichten. Allein die Supermärkte benötigten mindestens 15.000 Lkw-Fahrer, damit die Geschäfte vor Weihnachten mit voller Kapazität arbeiten und Störungen oder Lieferprobleme vermieden werden, sagte Andrew Opie vom Einzelhandelsverband British Retail Consortium.

Auch die Präsidentin der Britischen Handelskammer, Ruby McGregor-Smith, kritisierte, die Maßnahmen reichten bei weitem nicht aus. "Das ist, als ob man ein Lagerfeuer mit einem Fingerhut Wasser löschen will", sagte sie. Hingegen betonte das Verkehrsministerium, der Import von Arbeitskräften stelle keine nachhaltige Lösung des Problems dar.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. September 2021 um 08:55 Uhr.