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Belgien in Feierlaune Als gäbe es kein Corona

Stand: 25.02.2021 18:23 Uhr

Mit dem Frühlingswetter haben sich belgische Innenstädte in Festival-Zonen verwandelt. Jeden Abend treffen sich überall im Land Tausende Menschen. Politik und Ordnungskräfte wirken überfordert.

Von Michael Schneider, ARD-Studio Brüssel

Brüssels Stadtpark Bois de la Cambre sieht ein bisschen aus wie eine Festival-Wiese. In diesen Tagen ist es jeden Abend das gleiche Bild. Tausende junge Menschen pilgern auf die sonnigen Grünflächen, sitzen dicht zusammen, hören Musik und feiern ausgelassen. Ohne Abstand, ohne Maske, dafür mit viel Bier - obwohl Alkohol eigentlich verboten ist.

Michael Schneider ARD-Studio Brüssel

Am Rand der Menge dreht ein einsames Polizeifahrzeug seine Runden, die Beamten greifen nicht ein. Später wird die Brüsseler Polizei behaupten, sie habe alles unter Kontrolle und werde - wenn nötig - Platzverweise erteilen. Doch seit Tagen passiert nichts, und die Brüsseler sind irritiert.

Polizei wird jetzt einschreiten

Schließlich verspricht Bürgermeister Philippe Close einen Strategiewechsel am Wochenende: "Bei dem schönen Wetter wollten wir eigentlich etwas toleranter vorgehen. Aber wir wiederholen nicht die Fehler vom September. Jetzt wird die Polizei einschreiten. Auch mit Bußgeldern. Lassen sie mich ganz deutlich sein: Diese Situation tolerieren wir nicht."

Feiern - als gäbe es keine Pandemie. Das ist nicht nur ein Brüsseler Problem. Auch in der Studentenstadt Gent fanden in dieser Woche allabendlich Feste mit Tausenden Besuchern auf dem zentralen Marktplatz statt. Auch hier entschied die Stadt erst am Mittwoch, die Fläche zu räumen. Ähnliche Bilder in Lüttich, Löwen oder Antwerpen.

"Mittelfinger für alle, die die Zähne zusammenbeißen"

Dessen Bürgermeister Bart de Wever findet klare Worte für die Exzesse: "Menschen die dicht zusammenstehen ohne Maske, keine Regeln befolgen, das ist der Mittelfinger für alle, die die Zähne zusammenbeißen - womöglich bis Ostern."

Doch seit frühlingshafte Temperaturen im Land eingezogen sind, ist die belgische Polizei in einem Dilemma. Denn die Bürger sollen ja ins Freie, das sei gut für die Psyche und die Gesundheit. Das Infektionsrisiko ist viel niedriger als in Innenräumen.

Und tagsüber drücken die Beamten auch oft ein Auge zu, wenn die Regeln nicht hundertprozentig eingehalten werden - wie bei einigen Antwerpener Studenten am Scheldeufer. "Es ist ein schöner Tag, nachdem es lange kalt war. Wir hatten uns eigentlich zu viert verabredet. Dann kamen noch zwei Freunde vorbei, also eigentlich etwas zu viel. Aber wir halten Abstand, wir sind draußen, deshalb glaube ich, das geht schon."

Hemmungen fallen - trotz hoher Inzidenz

Andererseits gerät die Situation abends immer wieder außer Kontrolle. Nachdem die Belgier und Belgierinnen monatelang eher geduldig die Maßnahmen ertragen haben und so auch kurz vor Weihnachten die zweite Welle massiv eindämmen konnten, fallen nun die Hemmungen.

Vor allem bei jungen Leuten, gerade haben viele ihr Uni-Examen abgelegt und wollen nun feiern. Und das bei unverändert hohen Inzidenzzahlen und in den letzten Tagen sogar steigenden Infektionen.

Es führe deshalb kein Weg darum herum, strenger einzugreifen, so Bürgermeister de Wever: "150 Leute haben wir erwischt, die Bußgeldbescheide sind unterwegs. In ganz Antwerpen sind es mittlerweile 16.000, das ist gigantisch. Jedes Mal 250 Euro, nur weil die Leute etwas Spaß wollen. Aber das geht ja auch auf sichere Art, so muss es doch nicht laufen. Das ist eine Provokation für alle, die sich an Regeln halten."

Auswirkungen könnte all das auch auf die Diskussion um Lockerungen haben. Eigentlich wollte Belgien zum Wochenende prüfen, ob gerade für junge Menschen einzelne Erleichterungen möglich sind. Sie hätten es im Winter besonders schwer gehabt und hätten eine Belohnung für ihre Disziplin verdient, hieß es noch vor einer Woche. Möglicherweise hat sich diese Ansicht inzwischen verändert.