Maria Kolesnikowa (Archivbild: 27.08.2020) | dpa

Interview mit Kolesnikowa-Schwester "Warum kam Maria ins Krankenhaus?"

Stand: 01.12.2022 12:04 Uhr

Die inhaftierte belarusische Oppositionelle Kolesnikowa liegt im Krankenhaus. Wie es ihr geht, weiß niemand - auch ihre Schwester nicht. Sie fürchtet um die Gesundheit der Aktivistin und fordert mehr internationale Aufmerksamkeit.

Von Annette Kammerer, ARD-Studio Moskau

"Ich mache mir natürlich große Sorgen um ihre Gesundheit", erzählt Tatjana Chomitsch in einem Interview mit dem ARD-Studio Moskau. "Wir wissen nicht, was in den letzten zwei Wochen passiert ist. Warum ist Maria ins Krankenhaus gekommen? Warum wurde sie operiert?"

Annette Kammerer ARD-Studio Moskau

Chomitsch ist die Schwester von Maria Kolesnikowa, einem der prominentesten Gesichter der belarusischen Protestbewegung.     

Kolesnikowas Diagnose wird nicht verraten

Geht es um Kolesnikowa, fallen in deutschen Medien oft Wörter wie "Heldin" oder "Ikone". Jetzt liegt die 40-jährige Oppositionelle in einem Krankenhaus im belarusischen Gomel. Doch über das Warum und Weshalb kann selbst Maria Kolesnikowas Schwester nur mutmaßen: "Leider wird uns ihre Diagnose nicht mitgeteilt. Man behauptet lediglich, dass eine schriftliche Genehmigung von Maria fehle, in der sie erlaubt, dass Informationen über ihren Gesundheitszustand weitergegeben werden dürfen."

Vor drei Tagen kam die belarusische Oppositionelle auf die Intensivstation - und wurde danach anscheinend operiert. Mittlerweile sei Kolesnikowa zwar wieder bei Bewusstsein, erzählt ihre Schwester - doch mit ihr sprechen dürften weder ihr Vater noch ihre Anwälte. "Wenn unser Vater mit den Ärzten redet, sind immer Mitarbeiter des Innenministeriums anwesend", sagt Chomitsch. "Uns wurde mitgeteilt, dass sie in einem Einzelraum sei, in dem es eine Wache gebe. Damit liegt sie dort jetzt unter den gleichen Bedingungen wie im Straflager."

Teil des belarusischen Frauentrios

Kolesnikowa war Teil einer oft als "belarusisches Frauentrio" bezeichneten Gruppe, zu der auch Swjetlana Tichanowskaja gehörte. Rund um die Präsidentschaftswahl 2020 brachen in Belarus landesweit Proteste aus. Machthaber Lukaschenko reagierte mit Gewalt und Masseninhaftierungen. Viele, wie die Präsidentschaftskandidatin Tichanowskaja, flohen nach der international nicht anerkannten Wiederwahl Lukaschenkos ins Ausland. Doch manche, wie Kolesnikowa, blieben.

Sie sollte zunächst in die Ukraine ausgewiesen werden, zerriss allerdings ihren Pass und sitzt heute eine elf Jahre lange Haftstrafe ab, zuletzt mutmaßlich sogar in Isolationshaft. Chomitsch berichtet:

Der Anwalt hat versucht, sie im Straflager in der Isolierzelle zu besuchen, und zwar zweimal in der vergangenen Woche. Doch das wurde ihm nicht erlaubt. Angeblich hätte Maria keinen Antrag auf einen Termin mit ihm gestellt. Sie haben das so erklärt, dass Maria in der Isolierzelle keinen Stift und kein Papier habe, um einen Antrag zu schreiben.

Die Aufmerksamkeit schwindet, die Repression hält an

Auch wegen solcher Haftbedingungen fordert Kolesnikowas Schwester, dass die Weltgemeinschaft wieder genauer nach Belarus schaut. Erst vor zwei Monaten veröffentlichte die UN-Menschenrechtskommissarin einen Bericht, demzufolge es in Belarus zurzeit beinahe 1300 politische Gefangene geben soll. Das Klima der Repression halte an, erzählt auch Chomitsch:

Belarus verschwindet von der Tagesordnung in den Nachrichten, aber in Belarus selbst hat sich nichts geändert. Die Repressionen gehen weiter. Verhaftet wird jeden Tag. Wir sehen das ständig. Sowohl wegen der Teilnahme an den Protesten vor zwei Jahren, als auch wegen irgendwelcher Veröffentlichungen in den sozialen Netzwerken.

Es reiche, so Chomitsch, wenn Menschen dort Lukaschenko oder irgendwelche Beamte scheinbar diskreditierten. Oder dass sie ihre Meinung zum Krieg in der Ukraine teilen oder die Beteiligung der belarusischen Streitkräfte daran kritisieren. "Deswegen werden Menschen festgenommen. Und zwar täglich."  

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. November 2022 um 23:31 Uhr.