Das Sender-Logo prangt am Eingang der britischen Rundfunkanstalt BBC. | dpa

Berichterstattung der BBC Selbstzensur aus Angst vor der Regierung?

Stand: 30.08.2022 11:57 Uhr

Die frühere BBC-Moderatorin Maitlis wirft dem Sender Selbstzensur aus Angst vor der Regierung vor. Unparteilichkeit und Ausgewogenheit in der Berichterstattung seien nicht möglich. Die BBC weist die Vorwürfe zurück.

Von Imke Köhler, ARD-Studio London

Auslöser für die aktuelle Debatte sind Ereignisse aus dem Frühjahr 2020. Dominic Cummings, der damals Chefberater von Premier Boris Johnson war, fuhr mitten im Lockdown quer durchs Land - zu einer Zeit, als alle Bürgerinnen und Bürger zu Hause bleiben mussten und nicht einmal Angehörige am Sterbebett begleitet werden konnten. Die Empörung war groß. Anstatt aber Cummings daraufhin zu entlassen, hielt Premier Johnson an ihm fest.  

Imke Köhler ARD-Studio London

Vor diesem Hintergrund begann die damalige BBC-Moderatorin Emily Maitlis das Politmagazin "Newsnight" mit den Worten: "Guten Abend. Dominic Cummings hat die Regeln gebrochen. Das Land kann das sehen, und es schockiert, dass die Regierung das nicht kann."

Maitlis sprach davon, dass die Bevölkerung Wut, Verachtung und Seelenschmerz empfinde. Auf diese Moderation hin rief 10 Downing Street bei der BBC an und beschwerte sich.

Konservativer Fürsprecher im Aufsichtsrat?

Das an sich sei keine Seltenheit, machte Maitlis nun in einem Vortrag deutlich. Ungewöhnlich findet sie aber, dass die BBC sofort versuchte zu beschwichtigen und innerhalb weniger Stunden in einer öffentlichen Entschuldigung mitteilte, dass "Newsnight" gegen den Grundsatz der Unparteilichkeit verstoßen habe. Das sieht Maitlis bis heute anders. 

"Wir zeigen unsere Unparteilichkeit, wenn wir ohne Angst oder Wohlwollen berichten. Wenn wir keine Angst haben, die Mächtigen zur Verantwortung zu ziehen."

Maitlis wirft der BBC vor, aus Angst vor der Regierung Selbstzensur zu betreiben. Sie glaubt zudem, dass mit dem früheren Downing-Street-Berater Robbie Gibb ein aktiver Fürsprecher der konservativen Partei im BBC-Aufsichtsrat sitzt, der nun als Schiedsmann für die Unparteilichkeit der BBC agiert.

BBC steht enorm unter Druck

Klar ist, dass die BBC enorm unter Druck steht. Sie genießt wenig Rückhalt in der konservativen Regierung und geht einer ungewissen Zukunft entgegen, da die Regierung den Rundfunkbeitrag abschaffen will. Die BBC hat die Vorwürfe von Maitlis aber zurückgewiesen. Die Rundfunkanstalt habe mit ihrer Entschuldigung damals nicht auf den Druck von 10 Downing Street reagiert und es habe auch keinen Druck aus dem Aufsichtsrat gegeben, heißt es. 

"Tiefere Wahrheit verschleiert"

Die Frage, die Maitlis diskutieren will, ist aber ohnehin größer als dieser einzelne Fall. Es geht ihr darum, was Unparteilichkeit beziehungsweise Ausgewogenheit in der Berichterstattung überhaupt bedeutet, wie sie umgesetzt werden kann und wie gut - oder eben nicht - dies der BBC gelingt.

Maitlis erinnert an die Brexit-Debatte 2016, als Großbritannien begann, die großen Fragen rund um einen möglichen EU-Austritt zu diskutieren. "Eine komplizierte Materie. Wir haben versucht, beide Seiten der Debatte abzubilden", so Maitlis. Diese Intention sei richtig gewesen, aber man habe es trotzdem falsch gemacht.

"Wir haben vielleicht fünf Minuten gebraucht, um 60 Ökonomen zu finden, die den Brexit gefürchtet haben und fünf Stunden, um einen einzigen Ökonomen zu finden, der das Austrittsvorhaben unterstützte", erinnert sie sich. "Aber als wir dann auf Sendung gegangen sind, hatten wir von jeder Seite einen Vertreter." Man habe dieses ungleiche Verhältnis so präsentiert, als ob es ausgeglichen wäre - aber das sei es nicht gewsen. "Man erreicht damit eine vordergründige Ausgewogenheit, während man eine tiefere Wahrheit verschleiert."

Verantwortung, Dinge einzuordnen

Maitlis gibt noch ein weiteres Beispiel, das die Verantwortung der Journalisten deutlich macht, Dinge einzuordnen. Sie erwähnt ein Interview mit dem Schauspieler Robert De Niro während der Corona-Pandemie. Maitlis wollte mit ihm über die prekäre Lage in New York sprechen, aber De Niro regte sich über die Äußerung von US-Präsident Donald Trump auf, der die Idee interessant fand, den Bürgern im Kampf gegen Corona Desinfektionsmittel zu spritzen.

"De Niro sagte zu mir: 'Es ist gruselig. Alle sind fassungslos über das, was Trump da tut. Er ist ein Wahnsinniger.' - Aber mir redete mein Redakteur aufs Ohr und drängte mich, dagegenzuhalten, also die andere Seite zu beleuchten", erzählt Maitlis. Das tat sie nicht - und begründet:

"Was soll denn die andere Seite sein? Soll ich sagen: 'Unsinn, Desinfektionsmittel zu spritzen könnte funktionieren? Wir werden das nicht wissen, bis wir es ausprobiert haben!' Oder soll ich so tun, als hätte Trump gar nicht von Desinfektionsmitteln geredet? Davon gibt es aber Aufnahmen! Oder soll ich sagen: 'Naja, das sagen Sie jetzt ja nur, weil sie ein liberaler, linker Demokrat sind!'?"

Star-Moderatoren verlassen die BBC

Maitlis bekommt in der öffentlichen Debatte nicht nur Applaus, aber sie ist mit ihrer Kritik auch nicht allein. Tatsache ist, dass neben Maitlis weitere Star-Moderatoren die BBC verlassen haben. Und auch von anderen, wie etwa Andrew Marr, ist zu hören, dass er wieder freier sein wollte in seinen Moderationen, freier in dem, was er sagen kann.