BBC-Hauptsitz in London | AFP

Rundfunkbeitrag in Großbritannien Schwere Zeiten für die BBC

Stand: 17.01.2022 17:21 Uhr

Die britische Regierung will der BBC die Mittel streichen. Damit stünde die Rundfunkanstalt vor einem Umbruch - ausgerechnet im 100. Jahr ihres Bestehens. Die Opposition ist empört und spricht von einem Ablenkungsmanöver.

Von Imke Köhler, ARD-Studio London

Die britische Regierung hat ihre Pläne noch nicht im Parlament vorgebracht, aber die Kulturministerin Nadine Dorries hat getwittert und die konservative Zeitung "Mail on Sunday" hat ebenfalls darüber berichtet. Demnach soll der Rundfunkbeitrag zunächst für zwei Jahre eingefroren, dann noch einmal leicht erhöht und 2027 ganz abgeschafft werden. Im Jahr 2027 wird die "Royal Charter" erneuert, vergleichbar mit dem deutschen Medienstaatsvertrag.

Imke Köhler ARD-Studio London

"Es ist ein Ablenkungsmanöver"

Die Aufregung nach den Meldungen ist groß - und genau das war von der Regierung so geplant, meint Lucy Powell, Labour-Schattenministerin für Digitales, Kultur, Medien und Sport: "Wir sollten nicht so tun, als sei es etwas anderes als es ist: Es ist ein Ablenkungsmanöver, um künstlich Aufregung zu erzeugen und von der desaströsen Führungskrise des Premiers abzulenken."

Allerdings wird über die BBC und der Rundfunkbeitrag schon lange diskutiert. Dem ehemaligen Chefberater von Boris Johnson, Dominic Cummings, wurde sogar nachgesagt, die BBC ganz abschaffen zu wollen. Und es ist kein Geheimnis, dass die Tory-Regierung zumindest das Finanzierungsmodell der BBC verändern will.

BBC braucht neues Finanzierungsmodell

Lord Michael Grade, eine bedeutende Persönlichkeit der britischen Medienwelt und früher selbst Programmdirektor bei der BBC, wirft dem öffentlich-rechtlichen Sender vor, in einer Traumwelt zu leben: "159 Pfund pro Jahr mag für jemanden wie Gary Lineker nicht viel sein oder für die BBC-Chefs und Kommentatoren. Aber für die Mehrheit der Leute in diesem Land ist das total viel."

Grade glaubt, dass die BBC letzten Endes selbst mit einem neuen Finanzierungsmodell aufwarten muss. Zu möglichen künftigen Ansätzen sagte er: "Es gibt viele Ideen dazu. Ich würde Werbung ausschließen, weil das anderen Sendern Geld wegnehmen würde. Abos sind eine Möglichkeit. Aber was macht man dann mit dem Radio?" Er selbst glaube, dass kein Land in der Welt gebe, wo Abos für Radiosender funktionierten. "Man könnte mit Subventionen arbeiten", so Grade. "Oder es gibt die Idee, die großen Streamingdienste zu besteuern, um das Geld zu nutzen. Es gibt viele Ideen."

3,2 Milliarden Pfund pro Jahr

Andere Kenner der Branche sehen eine Abkehr vom Gebührensystem sehr kritisch. Die Medienanalystin Claire Enders etwa sagte in der BBC, sie halte den Rundfunkbeitrag für eine hervorragende Art der Finanzierung, die außergewöhnlich kostengünstig sei. "Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wird von allen führenden Ländern der Welt für ein exzellentes Modell gehalten - außer von den USA, wo entsprechende Bemühungen von Rupert Murdoch ausgelöscht wurden, vor etwa 25 Jahren."

Der BBC stehen nun noch schwierigere Zeiten ins Haus. Der Zeitraum von nur fünf Jahren für tiefgreifende Änderungen ist sehr kurz.

Die Rundfunkbeiträge bringen der BBC derzeit rund 3,2 Milliarden Pfund pro Jahr ein. Eine Abschaffung würde wahrscheinlich das Ende mehrerer Programme und Spartenkanäle und den Abbau Tausender Jobs bedeuten.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 17. Januar 2022 um 13:03 Uhr.