Freiwillige Kämpfer beim Training. | Silke Dittrich/NDR

Krieg gegen die Ukraine Vom Zivilisten zum Kämpfer

Stand: 22.04.2022 16:33 Uhr

"Volunteers", die Freiwilligen, gibt es derzeit überall in der Ukraine. Nur wenige machen den Job, den sie vor dem Krieg gemacht haben. Manche übernehmen auch militärische Aufgaben.

Von Silke Diettrich, ARD Neu-Delhi, zzt. Dnipro

Die Netze der Basketballkörbe sind ziemlich zerfetzt. Es ist jetzt schon einige Wochen her, dass Schülerinnen und Schüler hier gespielt haben - in der Turnhalle einer Oberschule mitten in der Innenstadt von Dnipro. Jetzt trainieren hier Hunderte Männer mit Sturmkappen und Tarnuniformen, mit Waffen - ohne Munition.

Silke Diettrich ARD-Studio Neu-Delhi

"Alles, was mit Militär zu tun hat, ist komplett neu für mich", sagt Kaspar. Er sei ein ganz gewöhnlicher Geschäftsmann gewesen, im Großhandel, für zahlreiche Unternehmen in der Ukraine.

Kaspar hat einen der begehrten Plätze ergattert für das Militärtraining. Er ist nun Teil der zivilen Verteidigung der Region Dnipro, rund 4500 Leute bewerben sich für diese Ausbildung. Das seien drei Mal mehr Bewerber als Plätze zur Verfügung stünden, sagt Alexander. Er ist der Chef hier für die freiwilligen Kämpfer.

Kaum Erfahrung mit Waffen

Die meisten hätten tatsächlich noch bis vor Kurzem nie eine Waffe in der Hand gehabt, aber alle seien zu 100 Prozent bereit, ihre Stadt zu verteidigen. "Wir kennen hier jede Ecke in unserer Stadt, wir können damit viel erfolgreicher sein als Leute von außerhalb", erklärt Alexander. "Auch wenn die Soldaten mehr Waffen haben, wir kennen hier einfach jeden Winkel, das ist unser Vorteil."

Die freiwilligen Kämpfer bilden keine eigenständige Einheit der ukrainischen Armee, sie werden nach Bedarf einzeln eingesetzt. In Dnipro und Umgebung seien einige schon im Einsatz gewesen, sagt Alexander. Wo und was sie gemacht hätten, das dürfe er nicht sagen. Aber zu 99 Prozent besteht der Alltag für die freiwilligen Kämpfer derzeit aus Training.

"Schon von Tag eins an wäre ich sofort in den Kampf gezogen", sagt Kaspar, der Geschäftsmann. "Aber beim Training habe ich dann verstanden, dass wir an der Front gerade fast eher eine Last für die Soldaten wären. Also wollte ich den Kurs unbedingt noch weitermachen, um mehr leisten zu können und dem Feind maximal zu schaden."

Ein paar Wochen gezieltes Training

Die meisten Männer in der Turnhalle trainieren tatsächlich schon seit Wochen. Sie lernen, Drohnen zu fliegen, zu schießen, machen Laufübungen und lernen Erste Hilfe. Die meisten Frauen und Kinder der Teilnehmer sind aus Dnipro geflohen, die Männer rechnen mit dem Schlimmsten: "Der Krieg hat am 24. Februar gestartet, keine Ahnung was in den Köpfen dieser Kreaturen abgeht, die unser Land angreifen", erzählt Kaspar. "Was noch alles passieren wird, morgen oder danach - ich will einfach nur gewappnet sein."

Seine drei Kinder und seine Frau leben jetzt außerhalb der Ukraine: "Ich will hier jetzt auch einfach mal Danke sagen. Der Westen zeigt sich gerade wirklich von seiner menschlichen Seite, all die Flüchtlinge aufzunehmen. Unsere Familien dürfen dort nun leben, in Sicherheit." Natürlich wünschen sich seine Kinder, er wäre nun an ihrer Seite. Ein völlig neues Leben, neue Sprache, das sei alles nicht einfach für sie. "Aber, das habe ich meinen Kindern schon von klein auf beigebracht: Es gibt einfach Dinge im Leben, die man tun muss."

Dann dreht sich Kaspar um und trainiert weiter. Mehrere Raketen sind in den vergangenen Wochen schon in Dnipro eingeschlagen. Die Front rückt nun immer näher an seine Heimatstadt heran.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. April 2022 um 09:25 Uhr.