Corona-Impfstoff von AstraZeneca | imago images/Laci Perenyi

Corona-Impfstoff von AstraZeneca Zu wenig Impfdosen - zu geringe Wirksamkeit?

Stand: 26.01.2021 12:45 Uhr

Zu wenig - das ist kurz gesagt das Problem mit dem Impfstoff des britisch-schwedischen Herstellers AstraZeneca. Zu wenig Impfdosen, zu wenig Transparenz und Berichte über geringe Wirksamkeit. Die EU fordert Aufklärung.

Corona-Impfstoffe sind ein knappes Gut dieser Tage, deswegen versucht die EU so viele wie möglich zuzulassen. Nächster Anwärter ist AstraZeneca - aber in den vergangenen Tagen mehren sich die negativen Schlagzeilen um das Vakzin des Pharmaunternehmens. Zuerst hieß es, es gebe Schwierigkeiten mit den Rohstoffen und es könne deswegen weniger geliefert werden, inzwischen gibt es Berichte über eine mangelnde Wirksamkeit bei Menschen über 65 Jahren.

Zweifel an Begründung für Engpass

Die EU versucht nun zu klären, wie es zu dem Engpass kommen konnte und warum zum Beispiel Großbritannien seine Impfdosen wie bestellt erhält. Die Gespräche bisher verliefen für die EU-Kommission eher wenig zufriedenstellend, denn AstraZeneca bleibt bei seiner Ankündigung, dass weniger Impfstoff geliefert wird - voraussichtlich weniger als die Hälfte der bestellten Dosen. Völlig inakzeptabel, sagt EU-Kommissarin Stella Kyriakides, zumal die EU die Entwicklung und die anschließende Produktion des Vakzins mitfinanziert hat - insgesamt 336 Millionen Euro flossen an AstraZeneca. Dafür verlange man eine Gegenleistung, erklärte Kyriakides.

Der EU fehlt es an Transparenz seitens des Unternehmens. "Die Europäische Union möchte genau wissen, welche Dosen von Astrazeneca bisher wo produziert wurden und ob und an wen sie geliefert wurden", sagte die Gesundheitskommissarin. Diese Fragen habe das Unternehmen bislang nicht zufriedenstellend beantwortet. Es steht der Verdacht im Raum, AstraZeneca könnte das von der EU mitfinanzierte Mittel an andere Länder geliefert haben.

Spahn fordert Exportbeschränkung

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn forderte in diesem Zusammenhang erneut eine Exportbeschränkung für in der EU produzierte Impfstoffe. Er sei dafür, "dass Impfstoffe, die die EU verlassen, eine Genehmigung brauchen, damit wir zumindest mal wissen, was hergestellt wird, was Europa verlässt - und wenn es Europa verlässt, ob es dann eine faire Verteilung gibt", sagte Spahn im Morgenmagazin von ARD und ZDF.

Zur Verzögerung der Auslieferung sagte Spahn, er könne verstehen, dass es bei einem solch "komplexen Prozess wie der Impfstoffproduktion auch mal zu Problemen" kommt. Dies müsse dann aber "alle fair und gleich betreffen". Es gehe nicht um "EU first, sondern um Europe's Share, also den fairen Anteil". 

Die EU fordert Antworten

Morgen sollen die Verhandlungen mit dem Unternehmen fortgesetzt werden. Bis dahin soll AstraZeneca einen detaillierten Plan vorlegen, wann und wie die Impfstofflieferungen stattfinden. Denn nicht nur der Druck auf den Hersteller wächst, sondern auch der auf die Europäische Arzneimittelbehörde EMA. Mehrere Staats- und Regierungschefs sitzen der EMA im Nacken und fordern eine schnelle Zulassung des Impfstoffs. Eine Stellungnahme war bereits für kommenden Freitag vorgesehen.

Noch ist unklar, wie die Behörde entscheiden wird. Möglicherweise wird es Einschränkungen bei der Anwendung des Impfstoffs geben, denn Zeitungsberichten zufolge ist die Wirksamkeit bei älteren Menschen eingeschränkt. AstraZeneca weist das zwar zurück, einen Gegenbeweis bleibt das Unternehmen in seinen Veröffentlichungen bisher aber schuldig. Der britisch-schwedische Konzern erklärt lediglich, dass die ersten veröffentlichten Daten über die Wirkung des Impfstoffs tatsächlich ausschließlich auf einer Studie bei Jüngeren beruhten - nämlich bei Teilnehmern im Alter zwischen 18 und 55. Dennoch erwarte der Pharmakonzern, dass der Impfstoff in allen Altersgruppen ähnlich sei.

Wirkt der Impfstoff nur mit Tricks richtig?

Fest steht bisher nur, dass der sogenannte Vektor-Impfstoff von AstraZeneca bei klinischen Studien in der Gruppe der 18-55 Jährigen eine deutlich geringere Wirksamkeit aufweist als die mRNA-Impfstoffe von BioNtech/Pfizer und Moderna. BioNtech/Pfizer und Moderna kommen in dieser Altersgruppe auf eine Wirksamkeit von über 94 Prozent, AstraZeneca lediglich auf 62 Prozent. Jedenfalls dann, wenn die Probanden zwei volle Dosen bekommen. Diese Zahl ist in einer Analyse der britischen Regulierungsbehörde für Medizinprodukte MHRA dokumentiert, die dem ARD-Studio Brüssel vorliegt.

AstraZeneca behauptet, die Wirksamkeit liege deutlich höher, wenn man einen Trick anwende und den Probanden zunächst nur die halbe Dosis verabreiche und einen Monat später eine weitere volle Portion. Dann erreiche man eine Wirksamkeit von 90 Prozent. Zudem hat das Unternehmen nach Informationen des ARD-Studios Brüssel bei der europäischen Arzneimittelbehörde eine neue Studie vorgelegt. Beteiligt waren angeblich 2000 Teilnehmer über 65 , davon zwei Drittel über 75 Jahre alt. Der älteste Proband war 86. Diese neue Studie soll die EMA jetzt in buchstäblich vorletzter Minute davon überzeugen, dass der Impfstoff von AstraZeneca auch Senioren schützt und bei ihnen eine robuste Immunität erzeugt.

Bundesgesundheitsministerium widerspricht Berichten

Das Bundesgesundheitsministerium widersprach den Berichten über eine geringe Wirkung bei über 65-Jährigen. Man könne dies nicht bestätigen, teilte ein Sprecher mit. Das Ministerium erläuterte, auf den ersten Blick scheine es so, dass Dinge verwechselt würden. Rund acht Prozent der Probanden der AstraZeneca-Wirksamkeitsstudie seien zwischen 56 und 69 Jahre alt gewesen, nur 3 bis 4 Prozent über 70 Jahre. "Daraus lässt sich aber nicht eine Wirksamkeit von nur acht Prozent bei Älteren ableiten."

Gesundheitsminister Spahn hatte sich zuvor nur sehr vorsichtig geäußert und erklärt, er wolle sich nicht an Spekulationen beteiligen. Man werde auf Basis der wissenschaftlichen Erkenntnisse nächste Woche entscheiden, welche Altersgruppen zuerst mit diesem Impfstoff geimpft würden. Ältere Menschen werden in Deutschland wie auch in Großbritannien und anderen Ländern mit Priorität geimpft, weil sie ein besonders großes Risiko für schwere Verläufe bei Covid-19 haben. Deshalb ist es wichtig, dass ein Impfstoff gerade auch Senioren gut schützt.

Mit Informationen von Helga Schmidt und Ralph Sina, ARD-Studio Brüssel

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. Januar 2021 um 09:00 Uhr.