Mehrere Packungen des Corona-Impfstoffs von AstraZeneca liegen in einem Kühlschrank. | dpa

Corona-Impfungen AstraZeneca kann wohl Zusagen nicht einhalten

Stand: 24.02.2021 13:23 Uhr

AstraZeneca könnte erneut vor Lieferproblemen stehen: Womöglich erhält die EU im zweiten Quartal nur 90 statt der zugesagten 180 Millionen Dosen. EU-Kommissionpräsidentin von der Leyen sieht den Streit mit dem Konzern aber als beendet an.

Der Pharmakonzern AstraZeneca wird einem Insider zufolge voraussichtlich auch im zweiten Quartal deutlich weniger Impfstoff in die EU liefern als vereinbart.

Das Unternehmen rechne damit, zwischen April und Juni weniger als die Hälfte der vertraglich zugesagten 180 Millionen Impfdosen in die Staatengemeinschaft zu liefern, sagte ein EU Vertreter der Nachrichtenagentur Reuters. Der britisch-schwedische Konzern habe in internen Gesprächen erklärt, im zweiten Quartal "weniger als 90 Millionen Einheiten" zu liefern, so der EU-Vertreter, der nach eigenen Angaben in die Gespräche eingebunden war.

Impfziel der EU wäre gefährdet

Sollte dies so kommen, könnte das EU-Ziel gefährdet sein, bis zum Sommer 70 Prozent der Erwachsenen geimpft zu haben.

AstraZeneca hatte zuvor Produktionsprobleme eingeräumt, will aber offenbar die Lieferzusagen einhalten. Ein Unternehmenssprecher sagte der Nachrichtenagentur AFP, das Unternehmen arbeite noch daran, die "Produktivität in seiner Lieferkette in der EU zu steigern".

AstraZeneca werde "auf seine weltweiten Ressourcen" zurückgreifen, "um die Lieferung von 180 Millionen Dosen an die EU im zweiten Quartal zu erreichen". Ungefähr die Hälfte der erwarteten Liefermenge werde "aus der Lieferkette in der EU" kommen und der Rest von Produktionsstandorten außerhalb der EU.

Ein Sprecher der EU-Kommission, die die Gespräche mit den Impfstoffherstellern koordiniert, sagte, man könne sich zu den Diskussionen nicht äußern, da diese vertraulich seien.

Die EU sollte aber auch unabhängig von der Situation bei AstraZeneca mehr als genügend Impfstoff zur Erreichung ihrer Impfziele haben, wenn die erwarteten und vereinbarten Lieferungen von anderen Herstellern erfüllt würden, so der Sprecher.

AstraZeneca hatte Ende Januar erklärt, wegen Engpässen in der Produktion in einem Werk in Belgien die zugesagte Liefermenge in die EU im ersten Quartal nicht einhalten zu können. Zunächst war erwartet worden, dass die Zahl der Impfdosen dadurch mit 31 Millionen Stück rund 60 Prozent niedriger ausfällt als geplant.

300 Millionen Dosen bis Ende Juni zugesagt

Später hieß es, es sollten 40 Millionen Einheiten geliefert werden. Sollten im zweiten Quartal etwa 90 Millionen Einheiten hinzukommen, würde sich das für das gesamte erste Halbjahr auf 130 Millionen Dosen von AstraZeneca summieren. Zugesagt waren bis Ende Juni aber 300 Millionen.

In einem auf den 22. Februar datierten Papier des Bundesgesundheitsministeriums, das Reuters einsehen konnte, wird davon ausgegangen, dass AstraZeneca den Lieferrückstand bis Ende September vollständig ausgleicht. Demnach soll Deutschland bis dahin insgesamt 56 Millionen Dosen erhalten, davon 34 Millionen im dritten Quartal.

Der EU-Vertreter sagte, sollte AstraZeneca seine Produktion im dritten Quartal tatsächlich hochfahren, könnte das helfen, dass die EU ihr Impfziel erreicht.

Allerdings seien die Unterhändler der Staatengemeinschaft misstrauisch, weil das Unternehmen nicht klargemacht habe, woher die zusätzlichen Dosen kommen sollen. "Es könnte unrealistisch sein, die Versorgungslücke im dritten Quartal zu schließen", sagte der Beamte und fügte hinzu, dass das Unternehmen die Zahlen zu den Lieferungen mehrfach geändert habe.

Von der Leyen: "Impfstoffhersteller sind Partner"

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte unterdessen den Streit mit AstraZeneca um Lieferverzögerungen für beendet. "Die Impfstoffhersteller sind in dieser Pandemie unsere Partner, und auch sie standen noch nie vor solch einer Herausforderung", sagte von der Leyen der "Augsburger Allgemeinen".

Pläne für ungenutzte Dosen

Laut der Ständigen Impfkommission (STIKO) bleiben derzeit "jeden Tag viele Dosen des Vakzins von AstraZeneca liegen", da dieses eine geringere Akzeptanz in der Bevölkerung genieße als die anderen zugelassenen Impfstoffe. Die STIKO plädiert daher dafür, die Reihenfolge bei den Impfungen "nicht allzu starr" zu beachten und forderte pragmatische Lösungen.

In allen Impfzentren sollte es unbedingt Listen dafür geben, "wer an die Reihe kommt, wenn Dosen übrig bleiben", sagte STIKO-Chef Thomas Mertens den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Damit kein Impfstoff verworfen werde, könnten "geeignete Kandidaten aus nachfolgenden Prioritätsgruppen" vorgezogen werden. Der Umgang mit übrig bleibenden Impfdosen müsse "pragmatisch vor Ort geregelt werden", forderte der Virologe.

Der Impfstoff von AstraZeneca soll laut Bundesgesundheitsministerium auch bei den vorgezogenen Impfungen von Grundschul- und Kita-Personal eingesetzt werden.

Weiterer Vorschlag aus Berlin

Die Berliner Sozialsenatorin Elke Breitenbach kündigte an, dass mit einem Teil der übrig gebliebenen AstraZeneca-Dosen die rund 3000 Wohnungslosen in den Notunterkünften der Hauptstadt geimpft werden sollten. "Es ist in der aktuellen Situation nicht hinnehmbar, dass Impfdosen ungenutzt herum liegen", sagte sie den Funke-Zeitungen. Sie hoffe, dass andere Bundesländer dem Berliner Beispiel folgen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 24. Februar 2021 um 09:06 Uhr.