Die US-Vertreterin im UN-Sicherheitsrat, 	Linda Thomas-Greenfield, spricht in einer Dringlichkeitssitzung zur Ukraine | REUTERS

UN zu AKW-Angriff "Knapp einer nuklearen Katastrophe entgangen"

Stand: 04.03.2022 19:56 Uhr

Der Beschuss der ukrainischen Atomanlage Saporischschja hat bei den UN und den G7-Außenministern große Besorgnis ausgelöst. Im Sicherheitsrat wurde Russland verantwortlich gemacht. Moskaus Vertreter sprach dagegen von ukrainischer Sabotage.

Die Kämpfe in direkter Umgebung des ukrainischen Atomkraftwerks Saporischschja haben international große Besorgnis ausgelöst und erneut für scharfe Kritik an Russland gesorgt. "Angriffe auf Atomkraftwerke stehen im Widerspruch zum humanitären Völkerrecht", sagte die Beauftragte der Vereinten Nationen für politische Angelegenheiten, Rosemary DiCarlo, bei einer Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats in New York. Sie bekräftigte erneut, dass Russlands Krieg in der Ukraine gegen die UN-Charta verstoße. "Die Kämpfe in der Ukraine müssen aufhören, und zwar jetzt."

Nach der Einnahme des AKW nahe der Großstadt Saporischschja durch russische Truppen war in der Nacht zu Freitag auf dem Gelände ein Brand ausgebrochen, laut ukrainischem Innenministerium im Gebäude eines Trainingskomplexes. Er wurde am Morgen gelöscht.

Karte: Ukraine mit Kiew, Charkiw, Mariupol, Cherson, Schytomyr, AKW Saporischschja und Separatistengebiet

Das Atomkraftwerk Saporischschja liegt im Südosten der Ukraine.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Russland soll AKW gezielt angegriffen haben

Die Kämpfe um das AKW hätten nach Ansicht der USA leicht zu einem Desaster führen können. "Durch die Gnade Gottes ist die Welt letzte Nacht nur knapp einer nuklearen Katastrophe entgangen", sagt die amerikanische UN-Botschafterin Linda Thomas-Greenfield in New York und machte Russland für den Angriff verantwortlich. "Es war unglaublich rücksichtslos und gefährlich und bedrohte die Sicherheit von Zivilisten in ganz Russland, der Ukraine und Europa."

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte zuvor von einem gezielten Beschuss der Reaktorblöcke durch russische Panzer gesprochen.

Dieser Annahme schlossen sich Großbritannien und Frankreich an. "Dies ist das erste Mal, dass ein Staat ein (mit Brennstäben) bestücktes und funktionierendes Atomkraftwerk angegriffen hat. Und es ist eindeutig durch das Völkerrecht und die Genfer Konventionen verboten", sagte die britische UN-Botschafterin Barbara Woodward vor der Sicherheitsratssitzung. Der französische UN-Botschafter Nicolas de Rivière sagte, der Vorfall "impliziert einen Angriff" auf das Atomkraftwerk.

Russland spricht von "ukrainischer Sabotagegruppe"

Der russische UN-Botschafter Wassili Nebensja sprach in New York dagegen von einer "ukrainischen Sabotagegruppe", die von einem Trainingskomplex auf dem AKW-Gelände aus russische Einheiten angegriffen hätte. Die russischen Soldaten hätten die Schüsse erwidert. "Als die ukrainische Sabotagegruppe die Ausbildungsstätte verließ, steckte sie sie in Brand", erklärte Nebensja weiter. Auch das Verteidigungsministerium in Moskau hatte zuvor von einer "Provokation des Kiewer Regimes in der Nuklearanlage" gesprochen, die Russland in die Schuhe geschoben werden solle.

Der ukrainische UN-Botschafter Serhij Kyslyzja warf Russland erneut vor, Lügen zu verbreiten und wiederholte im Sicherheitsrat die Forderung nach einem Flugverbot für den ukrainischen Luftraum.

Laut IAEA keine radioaktive Strahlung ausgetreten

Über die Lage im größten Kernkraftwerk Europas informierte der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde, Rafael Mariano Grossi, die Mitglieder des Sicherheitsrats. Bei der Einnahme und dem Brand seien die insgesamt sechs Reaktoren nicht in Mitleidenschaft gezogen worden, es sei keine radioaktive Strahlung ausgetreten, sagte er in einer Videoschalte. Die Anlage würde weiter von ukrainischem Personal betrieben, befinde sich jedoch unter der Kontrolle des russischen Militärs. Grossi wiederholte sein Angebot, persönlich nach Saporischschja zu reisen, um vor Ort die Sicherheit der Anlage zu prüfen.

Die IAEA war während des Feuers und der Kämpfe eigenen Angaben zufolge mit den ukrainischen Behörden in Kontakt.

G7-Außenministerinnen kündigen weitere Sanktionen an

In Brüssel verurteilten auch die G7-Außenminister die Vorgänge um das AKW Saporischschja und kündigten weitere Konsequenzen an. Zunächst forderten sie Russland auf, seine Angriffe im unmittelbaren Umfeld ukrainischer Kernkraftwerke einzustellen und verwiesen ebenfalls auf die Grundsätze der Charta der Vereinten Nationen.

"Russlands eklatanter Verstoß gegen die Grundsätze des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit sowie gegen das Völkerrecht ist nicht unbeantwortet geblieben. Wir haben in mehrfachen Runden tiefgreifende wirtschaftliche und finanzielle Sanktionen verhängt", heißt es in einer vom Auswärtigen Amt versendeten Erklärung der G7-Außenministerinnen und -Außenminister zu ihrem Treffen. Als Reaktion auf die russische Aggression, die durch das Regime in Belarus ermöglicht werde, würden die G7-Länder weitere strenge Sanktionen verhängen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 04. März 2022 um 20:00 Uhr.