Ein Mann inspiziert einen Raketenkrater in Charkiw (Ukraine). | dpa

Amnesty kritisiert russischen Angriff "Große menschenrechtliche Katastrophe"

Stand: 01.04.2022 14:25 Uhr

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat Zeugenaussagen überprüft und Beweisstücke untersucht. Das Ergebnis: Russland habe in der Ukraine Streumunition verwendet und wahllos die Zivilbevölkerung angegriffen.

Amnesty International wirft Russland im Angriffskrieg gegen die Ukraine erneut Kriegsverbrechen vor. Die Menschenrechtsorganisation teilte mit, sie habe den Einsatz verbotener Streumunition und wahllose Angriffe gegen die ukrainische Zivilbevölkerung dokumentiert.

Zeugenaussagen und Beweisstücken nach zu urteilen sei das Vorgehen des russischen Militärs durch Angriffe gegen dicht besiedelte Gebiete gekennzeichnet. Dabei würden unrechtmäßig Zivilpersonen getötet. Zudem würden Grundversorgung und Kommunikation unterbrochen, zivile Infrastruktur zerstört und der Zugang zu Medikamenten und Gesundheitsversorgung eingeschränkt.

Effektive Fluchtkorridore benötigt

"Den eingekesselten Menschen in Städten wie Charkiw und Mariupol fehlt es fünf Wochen nach Beginn der russischen Aggression an lebensnotwendiger Grundversorgung", sagte Janine Uhlmannsiek, Expertin für Europa und Zentralasien bei Amnesty International. Effektive Fluchtkorridore würden dringend benötigt, um Menschen zu evakuieren und Zurückgebliebene mit Hilfsgütern zu versorgen.

Menschen, die die Belagerung in Charkiw oder Mariupol erlebt haben, berichteten Amnesty International zufolge "übereinstimmend und überprüfbar, wie groß die menschenrechtliche Katastrophe vor Ort ist". Die Liste der Kriegsverbrechen des russischen Militärs würde mit jedem Tag länger und die Zahl der Toten, Verletzten und Traumatisierten wachse unvermindert.

Munitionssplitter untersucht

Es gebe zudem physische Beweise für verbotene Streumunition in Charkiw. Der Waffenexperte von Amnesty International habe Splitter untersucht, mit denen nach einem Angriff Anfang März unter anderem der 41-jährige Familienvater Oleskyj Stowba verletzt wurde. Der größte Splitter stammte demnach von Streumunition.

"Wir standen vor dem Lebensmittelgeschäft, als ich ein lautes Geräusch hörte. Ich drehte mich um und sah eine Menge kleiner Feuer 50 Meter von mir entfernt", berichtete Stowba Amnesty International zufolge über den Angriff. Er sei gestürzt und habe gespürt, wie etwas sein rechtes Bein traf. "Ich zog meine Hose herunter und sah viel Blut."

Verantwortliche vor Gericht stellen

Streubomben setzen hunderte kleinere Sprengsätze frei, von denen viele nicht sofort explodieren. Dadurch können sie noch lange nach dem Abwurf Menschen töten oder verletzen. Seit 2010 ist diese Art von Munition international geächtet. Dem entsprechenden Übereinkommen gehören inzwischen 110 Länder an - dazu gehören allerdings weder Russland noch die Ukraine.

Die internationale Gemeinschaft müsse sicherstellen, dass die Verantwortlichen vor Gericht gestellt und bestraft werden, sagte Uhlmannsiek. Dabei seien die Ermittlungen des Internationalen Strafgerichtshofs und des Generalbundesanwalts in Deutschland wichtige Schritte.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 01. April 2022 um 12:00 Uhr.