Kernkraftwerk Saporischschja | REUTERS

Nach zeitweiser Abkoppelung AKW Saporischschja wieder am Netz

Stand: 26.08.2022 21:23 Uhr

Laut Betreiber-Angaben ist das AKW Saporischschja inzwischen wieder ans Stromnetz angeschlossen. Wegen eines Brandes war es nur noch über eine Notleitung mit Elektrizität versorgt worden. Russland rechnet mit einer baldigen Inspektion durch die IAEA.

Nach Angaben der staatlichen ukrainischen Betreibergesellschaft Enerhoatom sind inzwischen zwei Reaktoren des AKW Saporischschja wieder an das ukrainische Netz gegangen und bauen Kapazitäten auf. Am Morgen waren demnach noch alle sechs Reaktoren des Kraftwerks vom ukrainischen Stromnetz abgeschnitten gewesen.

Die Stromversorgung der Anlage selbst war laut Enerhoatom zwischenzeitlich über ein Wärmekraftwerk gewährleistet. Auch die Internationale Atomenergieberhörde (IAEA) teilte mit, das AKW werde von dem Heizkraftwerk mit Strom versorgt. Die Notfallschutzsysteme der Reaktoren seien in Gang gesetzt worden, und alle Sicherungssysteme liefen, erklärte IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi.

Die permanente Stromversorgung ist für die Sicherheit von Atomkraftwerken essenziell. Ist die Stromversorgung unterbrochen, könnte das dazu führen, dass die Kühlsysteme abgeschaltet werden, die für den sicheren Betrieb der Reaktoren benötigt werden.

Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital sagte tagesschau.de, Atomkraftwerke seien "normalerweise" nur stundenweise vom Netz abgetrennt, etwa bedingt durch Kurzschlüsse. "Solche Unterbrechungen können von den Notsystemen des Reaktors gut abgefangen werden", so Smital. Ein Dauerbetrieb über Notstromdiesel hingegen sei ungewöhnlich. Es sei aber möglich, AKW etwa sieben bis zehn Tage mit Notstromdiesel zu betreiben.

Smital: "AKW wird zweckentfremdet"

In Saporischschja komme die Besonderheit hinzu, dass das AKW schon seit längerer Zeit besetzt sei, das Personal nicht richtig arbeiten könne. Der Ort werde auch "zweckentfremdet", etwa zur Lagerung von Material, sagte Smital. Hier würden Strahlenschutzvorschriften verletzt, etwa durch Transporte auf dem Gelände.

Das Atomkraftwerk war am Donnerstag nach Bränden in Aschegruben in einem angrenzenden Wärmekraftwerk vom Stromnetz getrennt worden. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nannte als Grund für die Brände russischen Granatenbeschuss in der Nähe des Kraftwerks. Ein Vertreter Russlands machte die Ukraine für den Zwischenfall verantwortlich.

Atomkatastrophe befürchtet

Die Lage im größten Kernkraftwerk Europas und dessen Umgebung ist seit Wochen undurchsichtig. Das Atomkraftwerk wird seit März von russischen Truppen besetzt, aber weiterhin von ukrainischen Technikern betrieben. Russen und Ukraine werfen einander vor, das AKW zu beschießen. Die Angaben konnten zunächst nicht unabhängig überprüft werden.

Der Beschuss hat Befürchtungen ausgelöst, dass es in Saporischschja zu einer ähnlichen Atomkatastrophe kommen könnte wie 1986 im ukrainischen Tschernobyl. Die Anlage in Saporischschja ist mit sechs Reaktoren das größte AKW Europas.

Smital sagte, die derzeit wichtigste Forderung sei die Befriedung des Reaktors - dort sollten keine Kampfhandlungen stattfinden. "Es ist eigentlich durch ein Zusatzprotokoll der Genfer Konventionen festgelegt, dass Bauwerke, von denen eine besondere Gefahr ausgeht, zum Schutz der Bevölkerung aus solchen Konflikten herauszuhalten sind", so Smital. "Wir erleben hier aber gerade genau das Gegenteil, weil das AKW eine strategische Bedeutung hat."

Nach der Notabschaltung forderte Selenskyj ein energischeres internationales Eingreifen. Die IAEA und andere Organisationen müssten viel schneller handeln als bislang, sagte Selenskyj. "Jede Minute, die das russische Militär im Kernkraftwerk bleibt, bedeutet das Risiko einer globalen Strahlenkatastrophe", sagte er.

Bundesregierung besorgt

Die Bundesregierung äußerte sich besorgt über die Entwicklungen in Saporischschja. Die Lage sei "sehr, sehr gefährlich", sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes in Berlin. "Wir verurteilen die Besetzung durch russische Truppen auf das Schärfste." Russland müsse die Kontrolle über das Atomkraftwerk umgehend an die Ukraine zurückgeben und die IAEA müsse schnellstmöglich Zugang erhalten.

Grossi bekräftigte seine Bereitschaft, binnen Tagen mit Experten nach Saporischschja zu fahren. Eine Beraterin des ukrainischen Energieministeriums, Lana Serkal, sagte, ein Team der IAEA solle nächste Woche die Atomanlage besuchen. Derzeit befasse man sich mit logistischen Voraussetzungen für die Reise, teilte sie Donnerstagabend in örtlichen Medien mit.

Auch Moskau rechnet nun mit einem baldigen Besuch internationaler Experten vor Ort. "Es laufen aktive Vorbereitungen für einen Besuch" der Expertenmission der IAEA", teilte der russische Vertreter bei den internationalen Organisationen in Wien, Michail Uljanow, mit.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 26. August 2022 um 11:00 Uhr.