Satellitenbild vom AKW Saporischschja | dpa

Nach Trennung vom Netz Unklarheit über AKW Saporischschja

Stand: 26.08.2022 12:22 Uhr

Nach ukrainischen Angaben laufen am AKW Saporischschja weiterhin Arbeiten, um mehrere Reaktoren wieder in Betrieb zu nehmen. Aus Russland kommen widersprüchliche Informationen zum Betrieb des Atomkraftwerks.

Die Ukraine versucht nach Behördenangaben, zwei der sechs Reaktoren in dem AKW Saporischschja wieder in Betrieb zu nehmen. Die beschädigte Anschlussleitung, die für den Ausfall verantwortlich war, sei "repariert". Der sechste Reaktor der Anlage laufe mit zehn Prozent Kapazität, während man bei dem fünften Reaktor dabei sei, diesen wieder in Gang zu bringen, teilt der Gouverneur der Region Saporischschja im Fernsehen mit.

Von russischer Seite hieß es nun, ukrainische Streitkräfte hätten das letzte noch verbliebene Leitungskabel, das das AKW mit dem ukrainischen Netz verbindet, zerstört. Die Anlage liefere somit gegenwärtig keine Elektrizität in die Ukraine, zitiert die Nachrichtenagentur Tass einen von Russland im besetzten Teil der Region Saporischschja eingesetzten Verwaltungsbeamten.

Zuvor hatte es von russischer Seite geheißen, das Atomkraftwerk arbeite "ohne Ausfälle" und liefere Strom in die Ukraine.

Enerhoatom erklärte, die Stromversorgung der Anlage selbst sei über ein Wärmekraftwerk weiterhin gewährleistet. Auch die Internationale Atomenergieberhörde (IAEA) teilte mit, das AKW werde von dem Heizkraftwerk mit Strom versorgt. Die Notfallschutzsysteme der Reaktoren seien in Gang gesetzt worden, und alle Sicherungssysteme liefen, erklärte IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi.

Kühlsysteme müssen mit Strom versorgt werden

Die permanente Stromversorgung ist nach Angaben von Experten für die Sicherheit von Atomkraftwerken essenziell. Ein kompletter Stromausfall in der Anlage würde ein ernstes Problem darstellen. Ist die Stromversorgung unterbrochen, könnte das dazu führen, dass die Kühlsysteme abgeschaltet werden, die für den sicheren Betrieb der Reaktoren benötigt werden.

Am Donnerstag hatte Enerhoatom mitgeteilt, das Atomkraftwerk sei vom ukrainischen Stromnetz getrennt. In Folge eines Brandes sei die vierte und letzte Verbindungsleitung zwischen dem Kraftwerk und dem ukrainischen Energiesystem beschädigt worden. Die drei weiteren Leitungen seien bereits zuvor durch russischen Beschuss zerstört gewesen. Russland gab der Ukraine Schuld an dem Brand. Überprüfen lassen sich diese Angaben nicht.

Nach der Notabschaltung forderte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ein energischeres internationales Eingreifen. Die IAEA und andere Organisationen müssten viel schneller handeln als bislang, sagte Selenskyj am Donnerstag. "Jede Minute, die das russische Militär im Kernkraftwerk bleibt, bedeutet das Risiko einer globalen Strahlenkatastrophe", sagte er.

Weiter Unklarheit über IAEA-Inspektion des AKW

Grossi bekräftigte seine Bereitschaft, binnen Tagen mit Experten nach Saporischschja zu fahren. Ein russischer Diplomat stellte den Besuch einer Expertenmission der IAEA zu dem Werk für Ende August oder Anfang September in Aussicht. Er sehe die Vorbereitungen optimistisch, sagte er im russischen Fernsehen. Über den Reiseweg der Delegation und die notwendigen Sicherheitsgarantien beider Seiten wird allerdings seit Wochen gestritten.

Eine Beraterin des ukrainischen Energieministeriums, Lana Serkal, sagte, ein Team der IAEA solle nächste Woche die Atomanlage besuchen. Derzeit befasse man sich mit logistischen Voraussetzungen für die Reise, teilte sie Donnerstagabend in örtlichen Medien mit.

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/25.08.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/25.08.2022

Die Lage im größten Kernkraftwerk Europas und dessen Umgebung ist seit Wochen undurchsichtig. Russen und Ukraine werfen einander vor, das AKW zu beschießen. Der Beschuss hat Befürchtungen ausgelöst, dass es in Saporischschja zu einer ähnlichen Atomkatastrophe kommen könnte wie 1986 im ukrainischen Tschernobyl. Die Anlage in Saporischschja ist mit sechs Reaktoren das größte AKW Europas.

Mit Informationen von Andrea Beer, WDR, zzt. in der Ukraine

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 26. August 2022 um 11:00 Uhr.