Die elektronenmikroskopische Aufnahme aus dem Jahr 2003, die von den Centers for Disease Control and Prevention zur Verfügung gestellt wurde, zeigt reife, ovale Affenpockenviren (l) und kugelförmige unreife Virionen (r) | dpa

Affenpocken WHO beruft Notfallausschuss ein

Stand: 14.06.2022 16:55 Uhr

Die WHO hat wegen der Affenpocken-Fälle in zahlreichen Ländern den Notfallausschuss einberufen. Der Rat soll entscheiden, ob es sich - wie bei Corona- um eine "gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite" handelt.

Aus Sorge um die steigende Zahl an Affenpockenfällen in aller Welt hat WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus für kommende Woche den Notfallausschuss einberufen. Das Gremium soll entscheiden, ob es sich - wie beim Coronavirus - um eine "gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite" handelt. Der Notfallausschuss soll am 23. Juni tagen, wie die Weltgesundheitsorganisation mitteilte.

Die Erklärung der internationalen Notlage ist die höchste Alarmstufe, die die WHO verhängen kann. Eine solche Erklärung hat keine direkten praktischen Folgen, soll aber die Mitgliedsländer wachrütteln. Eine Notlage gilt etwa seit Ende Januar 2020 wegen des Coronavirus Sars-CoV-2.

Der WHO wurden bislang mehr als 1600 Fälle von Affenpocken und fast 1500 Verdachtsfälle aus 39 Ländern gemeldet. In 32 dieser Länder gab es vor Mai keine bekannten Fälle. Lediglich in sieben afrikanischen Ländern grassierte das Virus bereits zuvor. Bislang wurden 72 Todesfälle aus den afrikanischen Staaten gemeldet. Die WHO prüfe zudem einen möglichen Todesfall durch Affenpocken aus Brasilien, sagte Tedros.

"Nicht warten, bis die Situation außer Kontrolle ist"

Tedros erklärte weiter, es sei an der Zeit, eine Verstärkung der Maßnahmen in Betracht zu ziehen, da sich das Virus ungewöhnlich verhalte, mehr Länder betroffen seien und eine internationale Koordinierung erforderlich sei. Zugleich sagte er, dass die Fachleute des Notfallausschusses die Problematik betrachten und noch nicht entschieden sei, ob sie das Ausrufen einer Notlage für nötig halten.

"Wir wollen nicht warten, bis die Situation außer Kontrolle geraten ist", sagte WHO-Spezialist Ibrahima Socé Fall. In dem Ausschuss kommen Expertinnen und Experten zusammen, die sich mit der Krankheit besonders gut auskennen. Sie könnten die WHO am besten beraten, welche Maßnahmen ergriffen werden müssen, sagte Fall.

WHO-Spezialistin Rosamund Lewis sagte, dass die WHO die Mitgliedsländer schon jetzt mit zahlreichen technischen Ratschlägen zum Umgang mit Affenpockenfällen versorgt habe. "Das Wichtigste ist, Bewusstsein zu schaffen, damit die Menschen ihr eigenes Risiko abschätzen können", sagte Lewis.

Die Erkrankung mit Affenpocken

Affenpocken gelten verglichen mit den seit 1980 ausgerotteten Pocken als weniger schwere Erkrankung. Die Inkubationszeit beträgt laut RKI fünf bis 21 Tage. Die Symptome (darunter zum Beispiel Fieber und Hautausschlag) verschwinden gewöhnlich innerhalb weniger Wochen von selbst, können bei einigen Menschen aber zu medizinischen Komplikationen und in sehr seltenen Fällen auch zum Tod führen. Affenpocken treten hauptsächlich in West- und Zentralafrika auf und verbreiten sich nur sehr selten in anderen Ländern, was die gegenwärtige Entwicklung ungewöhnlich macht.

EU will 110.000 Impfdosen kaufen

Die Europäische Union hatte zuvor angekündigt, rund 110.000 Dosen Impfstoff gegen Affenpocken kaufen zu wollen. EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides erklärte, eine entsprechende Vereinbarung mit dem dänischen Biotech-Unternehmen Bavarian Nordic noch heute unterschreiben zu wollen.

Bereits Ende Juni sollen nach Angaben von Kyriakides dann die ersten Dosen an die EU-Staaten geliefert werden. Nach Angaben von Bavarian Nordic soll die Auslieferung des Impfstoffes sofort beginnen und in den kommenden Monaten abgeschlossen sein.

Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hatte zudem kürzlich erklärt, sie führe Gespräche mit Bavarian Nordic, die eine Ausweitung der Zulassung seines Pockenimpfstoffs Imvanex auch auf Affenpocken ermöglichen könnte. In den USA ist das Vakzin bereits auch zum Einsatz bei Affenpocken zugelassen.

Ministerium: Lieferung von Pockenimpfstoff am Mittwoch

Das Bundesgesundheitsministerium rechnet bereits am Mittwoch mit einer Lieferung von Pockenimpfstoff, der gegen Affenpocken eingesetzt werden kann. Der Bund stelle den Bundesländern das Vakzin zur Verfügung, teilte ein Ministeriumssprecher mit. "Die Länder organisieren Verimpfung und Distribution."

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hatte kürzlich angekündigt, dass der Impfstoff am 15. Juni bereitstehe. Das Konzept der Impfung werde gerade vorbereitet. Ende Mai hatte Lauterbach erklärt, dass zusätzlich zu den ersten 40.000 Einheiten zu einem späteren Zeitpunkt noch 200.000 Dosen erwartet würden.

Etwa 900 Fälle von Affenpocken in der EU

Derzeit gibt es nach Angaben der EU-Gesundheitskommissarin etwa 900 Affenpocken-Fälle in der EU, weltweit seien es rund 1400. Ähnliche Zahlen hatte zuletzt die WHO vorgelegt: Demnach sind fast 1300 Fälle von Affenpocken in Ländern außerhalb Afrikas gemeldet - die meisten davon bei Männern, die Sex mit Männern haben. Experten hatten vor einer Weiterverbreitung des Virus, etwa bei bevorstehenden Festivals und Partys gewarnt.

Die Ständige Impfkommission (STIKO) hatte in der vergangenen Woche eine Affenpocken-Impfung für bestimmte Risikogruppen und Menschen, die engen Kontakt zu Infizierten hatten, nahegelegt. Ein erhöhtes Infektionsrisiko sieht die STIKO bei Männern, die gleichgeschlechtliche sexuelle Kontakte mit wechselnden Partnern haben.

Auch Personal von Speziallaboratorien komme unter Umständen für eine vorsorgliche Impfung infrage. Der Beschlussentwurf der Empfehlung muss nun noch in ein sogenanntes Stellungnahmeverfahren und ist noch keine endgültige offizielle Empfehlung.

Affenpocken | Institute of Tropical Medicine Antwerp/dpa

Ein vom Institute of Tropical Medicine Antwerp zur Verfügung gestelltes Foto zeigt Hautsymptome von Affenpocken-Patienten. Infektionen mit dem Virus werden mittlerweile aus immer mehr Ländern gemeldet. Bild: Institute of Tropical Medicine Antwerp/dpa

229 Erkrankte in Deutschland

Vor gut drei Wochen wurde hierzulande der erste Patient mit Affenpocken bekannt. Die Zahl der beim Robert Koch-Institut (RKI) erfassten Affenpocken-Nachweise in Deutschland ist inzwischen auf mehr als 200 gestiegen: Das RKI gab die Patientenzahl auf seiner Webseite mit genau 229 an, nach etwa 190 am Vortag. Weiterhin seien keine Fälle bei Frauen und Kindern bekannt, teilte eine RKI-Sprecherin mit.

Elf Bundesländer haben nach Angaben des Instituts Betroffene der Viruserkrankung gemeldet. Besonders viele sind es in Berlin, wo nach aktuellem Stand bislang 142 Fälle registriert wurden.

RKI: Gefährdung der breiten Bevölkerung gering

Die Risiko-Einschätzung des RKI lautet dabei weiterhin: "Eine Gefährdung für die Gesundheit der breiten Bevölkerung in Deutschland schätzt das RKI nach derzeitigen Erkenntnissen als gering ein." Es gebe immer noch vereinzelte Übertragungen, "aber der Ausbruch hat eher nicht die Eigenschaft, exponentiell wachsende Fallzahlen zu entwickeln", teilte Timo Ulrichs, Experte für Globale Gesundheit an der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin, mit.

Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist laut RKI nur bei engem Kontakt möglich - etwa durch Kontakt mit den typischen Hautveränderungen oder auch durch ausgeschiedene Atemwegssekrete und Speichel. Ob Affenpocken durch Sperma oder Vaginalsekret verbreitet werden können, ist demnach noch nicht abschließend geklärt, scheint aber möglich.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 29. Mai 2022 um 18:05 Uhr im "Bericht aus Berlin" und Deutschlandfunk am 14. Juni 2022 um 13:00 Uhr in den Nachrichten.