Nordirland: In Belfast liefern sich Jugendliche gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei. | AP
Reportage

Gewalt im Nordirland-Konflikt Wegdriften von der Heimat

Stand: 12.04.2021 09:52 Uhr

Seit Tagen eskaliert in Nordirland die Gewalt. Vor allem Jugendliche liefern sich heftige Gefechte mit der Polizei. Es scheint, als kämpften sie stellvertretend für die unzufriedenen Alten im Land.

Eine Reportage von Sven Lohmann, ARD-Studio London, z.Zt. Belfast

Erst fliegen Molotowcocktails und Steine auf die nebeneinander aufgereihten Polizeikräfte. Dann bricht eine Gruppe vermummter Jugendlicher ein parkendes Auto auf und setzt es in Brand. Einer von ihnen fährt es in die Polizei-Bullis, die als Blockade dienen. In kleine Explosionen mischt sich Jubel.

Sven Lohmann ARD-Studio London

Wie viele Personen der Krawall-Gruppe bei diesen vorerst letzten Ausschreitungen in der Nacht zum Samstag angehören, ist schwer zu sagen. Ständig entfliehen welche in umliegende Gassen, andere kommen dazu. Aber, sie sind erkennbar jung. Zwei Stunden dauern die Ausschreitungen.

Am nächsten Morgen läuft Cooper Mclure über das Schlachtfeld der Nacht. Er wohnt im Viertel, das pro-britische Protestanten ihr Zuhause nennen. Jugendliche lungern an einem Kiosk herum. Da seien welche dabei, die mitgezündelt und mitgeworfen haben, meint er. Der Blick in die Gesichter verrät, kaum jemand von ihnen ist volljährig.

Cooper Mclure betreibt eine Boxschule und kennt die Kinder im Viertel.

Cooper Mclure betreibt eine Boxschule und kennt die Kinder im Viertel.

Cooper kennt die Kinder im Viertel, er hat eine Boxschule. Er versucht sie dort von Unsinn abzubringen, wie er sagt. Bei vielen gelingt es, bei manchen nicht. Warum die Jungendlichen es seien? Coopers Schultern zucken. Aufgestachelt, meint er. Die Stimmung im Viertel ist schlecht, wie in vielen pro-britischen Gegenden.

Brexit hat die Lage verschlimmert

Der Brexit und das dazugehörende Nordirland-Protokoll haben alles nochmal verschlimmert. Niemand wollte ihnen zuhören in den vergangenen Jahren, von Boris Johnson fühlten sie sich nicht Ernst genommen. Der hatte versprochen, es würde sich nichts ändern. Und dann schlug die Realität zu. Der Handel mit Großbritannien ist schwieriger geworden, obwohl Nordirland zu Großbritannien gehört. Es gelten noch EU-Regeln, deshalb ist da neuerdings eine Wirtschaftsgrenze zwischen beiden Ländern.

Bei den pro-britischen Protestanten das Gefühl zu dass sie wegdriften von der Heimat - und es niemanden interessiert. So sehen es die Loyalisten, die loyal sind mit dem Vereinigten Königreich. "Uns wird die Identität geraubt", sagt Joel, der angibt 19 Jahre alt zu sein. Er wurde vergangene Woche nach Krawallen festgenommen. "Wenn wir bei uns im Viertel hören, 'Du kannst was machen, indem Du Steine und Molotowcocktails schmeißt', dann sind wir mehr als bereit, das zu tun."

Jugendliche offenbar zu Gewalt angestiftet

Die Jugendlichen scheinen angestiftet von Unzufriedenen im pro-britischen Lager. Alte Paramilitärs verraten, wie es geht - auch wenn diese öffentlich zu Protokoll geben, nichts damit zu tun zu haben. Bei manchen Krawallen standen allerdings Erwachsene am Rand, die angefeuert haben, berichten einige in Belfast, die die Krawalle mit großem Unmut verfolgen. Und die Anleitung zum Bau von Benzinbomben stünden ja auch nicht in Kinderbüchern. Manche berichten von Erwachsenen, die den Jugendlichen angeblich helfen würden. Es ist ein orchestriertes Anstiften. Und die Jugendlichen haben das Gefühl, endlich mal was machen zu können.

Der 19-Jährige Joel wurde vergangene Woche nach Krawallen in Belfast festgenommen.

 "Uns wird die Identität geraubt", sagt der 19-jährige Joel, der vergangene Woche nach Krawallen festgenommen wurde.

Viele im Lager der Protestanten leiden unter Perspektivlosigkeit, in vielen Familien herrscht Armut. Und jetzt nimmt der Brexit ihnen auch noch die Heimat. Derjenige, der es zu verantworten hat, hat die Gewalt unter der Woche verurteilt. Zum Problem der Wirtschaftsgrenze, zu den Sorgen hat Boris Johnson dagegen nichts gesagt. Er hat auch nicht für die Umsetzung geworben und Hilfe angeboten. Dabei ist die Situation so, wie Großbritanniens Premierminister es wollte. Er hat das Nordirland-Protokoll mit der EU verhandelt, im Wahlkampf damit geworben und es unterzeichnet. Nun schweigen er und seine Regierung über die Rolle Nordirlands.

Der Traum von der Wiedervereinigung

Den pro-irischen Katholiken ist das nur recht. Bringt es sie doch nur näher an die Republik Irland und dem Traum vieler: Einer Wiedervereinigung. Die Leere in den Worten der britischen Regierung füllt allerdings die Straßen im pro-britischen Lager. Mit Gewalt, wie sie Nordirland seit Längerem nicht mehr erlebt hat.

Das bittere an der aktuellen Lage ist: Durch die Gewalt ist die Aufmerksamkeit plötzlich da, wenn auch keine Lösung. Joel hat das Gefühl, die anderen, die Katholiken, gewinnen gerade. Und Cooper hat die Sorge, die Kinder verlieren zu können, wenn nicht schnell jemand mit einer Lösung um die Ecke biegt. So lange, glaubt er, hören die Straßenkämpfe in Nordirland nicht auf.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 10. April 2021 um 23:15 Uhr.