Forensiker untersuchen den LKW bei Parndorf (27.08) | dpa
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Erstickte Flüchtlinge in Kühl-Lkw Eine vermeidbare Katastrophe?

Stand: 23.10.2019 13:38 Uhr

Der Tod von 71 Flüchtlingen, die im August 2015 in einem Kühllaster in Österreich gefunden wurden, hätte wohl verhindert werden können. Nach Recherchen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" hörte die ungarische Polizei die Telefone der Drahtzieher ab. Die Gespräche wurden aber offenbar nicht rechtzeitig ausgewertet.

Von Volkmar Kabisch, Katrin Kampling, Elena Kuch, Amir Musawy und Sebastian Pittelkow

Ivaylo S. klingt panisch, als er zum wiederholten Mal die Nummer von Metodi G. wählt. Seit fast zwei Stunden lenkt er nun schon den alten Volvo-Kühllaster über ungarische Autobahnen - das Ziel ist Deutschland. Es ist 6:16 Uhr als er den Komplizen telefonisch erreicht. Was er nicht weiß: In der Leitung schneidet ein Aufnahmegerät der ungarischen Polizei alle Gespräche mit. Seit zwei Wochen zeichnen die Ermittler jedes Telefonat auf, das Metodi G. führt. Beide, Metodi G. und Ivaylo S., gehören zu einem Schleusernetzwerk.

Ivaylo S.: "Wenn sie weiter so klopfen, wird man es an der Grenze hören. Dort gibt es Polizei. Was soll ich machen, wenn ich dort bin?"
Metodi G.: "Scheiße. Man könnte meinen, dass dieses Mal einfach viel zu viel Leute drin sind. Aber das ist ein Kühlwagen und drinnen riecht es zu stark."
Ivaylo S.: "Es riecht wirklich sehr stark."
Metodi G.: "Ich denke, dass die Leute im Laster keine Luft bekommen, ich bin mir 100 Prozent sicher. Du musst nur weiterfahren! Das ist das Wichtigste."
Ivaylo S.: "Sie schreien einfach die ganze Zeit, du kannst dir gar nicht vorstellen, was hier los ist, wie sie schreien. Scheiße!"

Hinten, im Dunkel der Ladefläche, stehen und hocken dichtgedrängt 71 Menschen: 15 Syrer, 21 Afghanen, 29 Iraker und fünf Iraner. Eine Person ist bis heute nicht identifiziert. Die Jüngste ist gerade einmal elf Monate alt. Wenig später werden sie alle qualvoll erstickt sein.

Gespräche wurden offenbar zu spät übersetzt

Der Tod der 71 Menschen hätte womöglich verhindert werden können. Das ergeben nun Recherchen von NDR, WDR und "SZ". Die ungarische Polizei hörte bereits zwei Wochen vor der tödlichen Fahrt Gespräche ab und zeichneten dabei ähnliche Taten auf, bei denen Flüchtlinge zum Teil kurz vor dem Ersticken waren. Dennoch sind die ungarischen Behörden nicht sofort eingeschritten. Offenbar weil die Gespräche nicht rechtzeitig übersetzt wurden. Deshalb war das lebensgefährliche Vorgehen der Schleuser womöglich nicht aufgefallen. Wann die Telefonate konkret ausgewertet wurden, darauf ließen die ungarischen Behörden wiederholte Nachfragen unbeantwortet.

In der Ermittlungsakte, die Reporter von NDR, WDR und "SZ" zum Teil einsehen konnten, finden sich Hunderte Seiten Gesprächsprotokolle über lebensgefährliche Schleusungen desselben Netzwerks - auch aus der Zeit vor der entscheidenden Todesfahrt.

Immer wieder berichten die zumeist bulgarischen Fahrer den Drahtziehern darin von klopfenden und schreienden Flüchtlingen, die Todesangst haben. So zum Beispiel bei einem fast baugleichen Lkw, der neun Tage vor der Todesfahrt in Deutschland aufgegriffen wird. Die 81 Flüchtlinge an Bord überleben nur knapp, weil sie ein Loch in die Decke des Lkw stoßen können. Auch dieses Telefonat haben ungarische Behörden aufgezeichnet:

Flüchtlinge in einen Lkw.

Eng gedrängt sitzen Flüchtlinge im Lkw. Bei dieser Fahrt haben sie knapp überlebt.

Fahrer: "Bitte ruf diese Leute an, weil sie das Auto gleich kaputt machen. Sie klopfen sehr stark."
Metodi: "Man hat ihnen gesagt, sie dürfen nicht klopfen. Ich glaube, dass sie keine Luft bekommen."

Telefon-Überwachung 13 Tage vor Todesfahrt gestartet

Bei dieser und Dutzenden anderen Fahrten desselben Netzwerks wurden Fahrer von der Polizei in Deutschland, Österreich oder Ungarn gefasst und umfangreiches Beweismaterial sichergestellt. Die beiden Chefs der Schleuserbande - ein Bulgare und ein Afghane - waren den ungarischen Behörden schon mindestens seit Anfang Juli 2015 bekannt. Sie wurden jedoch zunächst nicht verhaftet. So konnte die Organisation ungehindert weitere Schlepperfahrten organisieren - mit immer größer werdender Risikobereitschaft. Am 13. August, also 13 Tage vor der Todesfahrt, begannen ungarische Ermittler, die Telefone abzuhören und die Gespräche aufzuzeichnen.

Fahrer beklagt sich über klopfende Flüchtlinge

Auch die entscheidende Todesfahrt des Kühllasters wurde von den Ermittlern aufgezeichnet. In einem Telefonmitschnitt, der NDR, WDR und "SZ" im Original vorliegt, beklagt sich der Fahrer über die schreienden und klopfenden Flüchtlinge.

Samsoor L.: "Hey Bruder!"
Metodi G.: "Samsoor! Kannst du bitte den Leuten im Lkw sagen, dass sie aufhören sollen zu klopfen, damit der Fahrer an einer Tankstelle anhalten und tanken kann. Der Fahrer will schauen, wie er den Leuten Wasser geben kann. Er sagt, er hat Angst, die Tür zu öffnen, weil die Leute dann sofort auf das Feld rennen werden."
Samsoor L.: "Nein, nein, nein! Das geht nicht, dass er die Tür aufmacht! Wenn er die Tür aufmacht, werden alle rausrennen!"
Metodi G.: "Ich weiß! Aber wie soll er den Leuten dann Wasser geben?"
Samsoor L.: "Er kann ihnen kein Wasser geben. Sag ihm, er soll nur weiterfahren. Und falls sie sterben sollten, dann soll er sie in Deutschland im Wald abladen."

Staatsanwaltschaft: Fahrt hätte nicht verhindert werden können

Auf Anfrage weist Gabór Schmidt, der Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft im ungarischen Kecskemét, den Vorwurf zurück, dass die Fahrt hätte verhindert werden können. Gegenüber NDR, WDR und "SZ" sagte er: "Wenn die ungarischen Behörden die Chance gehabt hätten, diese furchtbare Tat zu verhindern, dann hätte man das getan. Aber die Gespräche konnten erst zu einem Zeitpunkt übersetzt und ausgewertet werden, als diese tragische Schleusung schon durchgeführt war." Zudem säße nicht dauerhaft ein Beamter am Kopfhörer, da "diese Fahrten in den Nachtstunden, also gegen drei Uhr am Morgen, fünf Uhr am Morgen abgewickelt wurden".

Gabór Schmidt, Staatsanwaltschaft Kecskemét

Gabór Schmidt sagt, die ungarischen Behörden hätten keine Chance gehabt, die Tat zu verhindern.

Am 21. Juni beginnt nun in Ungarn der Prozess gegen insgesamt elf Personen. Ihnen wird vorgeworfen, ein kriminelles Netzwerk gegründet zu haben. Die vier Hauptbeschuldigten sind zudem wegen Mordes angeklagt.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 14. Juni 2017 um 17:00 Uhr.