Interview

Interview zu "Cyberwar"-Gefahren "Stuxnet-Virus ist nur ein Vorgeschmack"

Stand: 14.10.2010 00:57 Uhr

Der Begriff "Cyberwar" taucht immer häufiger auf. Er bezeichnte die kriegerische Auseinandersetzung im virtuellen Raum mit Hilfe der Informationstechnik. Angriffe zielen auf rechnergestützte Verbindungen, um Kommunikation auf diesem Wege zu verhindern. Mit möglichen virtuellen Kriegen beschäftigt sich auch die NATO auf ihrer Jahrestagung im November in Lissabon. Wie wahrscheinlich ist ein "Cyberwar"? Darüber hat tagesschau.de mit dem Experten Wolfgang Stieler gesprochen.

tagesschau.de: Was müssen wir uns unter einem "Cyberwar" vorstellen?

Wolfgang Stieler: Das geht von simpler Spionage über Sabotage bis zur Zerstörung von Infrastrukturen wie Telefon- und Computernetzen oder Industrieanlagen. Dort schleust man Schadprogramme wie Viren oder Trojaner ein, um sie lahmzulegen. Das strategische Gesamtziel könnte sein, eine Informationsdominanz zu gewinnen. Das bedeutet, man erwirbt Informationen vom Feind, und der weiß gar nicht, was passiert.

tagesschau.de: Gibt es so etwas wie einen Cyber-Schutz?

Stieler: Prinzipiell kann man sich mit allen Maßnahmen schützen, die es jetzt schon in Zusammenhang mit Informationssicherheit gibt. Es sind die üblichen Sicherungssysteme wie Firewalls oder Antivirenprogramme. Aber wie der Stuxnet-Trojaner gezeigt hat, kann man sich nicht gegen Sicherheitslücken verteidigen, die noch unbekannt sind.

Zur Person

Wolfgang Stieler ist Physiker und seit fünf Jahren Redakteur der Technology Review im Heise-Verlag. Die Zeitschrift befasst sich im Wesentlichen mit technischen Innovationen. Wolfgang Stieler ist seit 2006 für den Online-Auftritt der Technology Review verantwortlich.

"Kriminelle werden professioneller"

tagesschau.de: Auf welche Attacken müssen wir uns noch einstellen?

Stieler: Im Moment haben wir eine wachsende Professionalisierung im Bereich von Computerkriminalität. Das ist ein Bereich mit hohen Wachstumsraten, wo zudem immer mehr Geld verdient wird.  Bei Stuxnet hat man gesehen, was passiert, wenn sich ein paar Leute zusammensetzen und mal richtig viel Zeit und Geld investieren, um eine effektive Cyberwaffe zu schmieden. Das ist aber nur ein Vorgeschmack.

tagesschau.de: Gibt es eine militärische Gefahr?

Stieler: Wenn solche Viren oder Trojaner auftauchen, kann man kaum feststellen, wer die eigentlich in wessen Auftrag losgeschickt hat. Im Vergleich zu dem dann vorstellbaren Chaos könnte der Kalte Krieg als eine richtig geregelte Angelegenheit erscheinen. Man kann sich ein Szenario vorstellen, nach dem irgendwelche Trojaner oder Viren auf Rechnern im Pentagon auftauchen. Die USA sagen zum Beispiel: "Die Chinesen haben uns angegriffen". Über die NATO könnte dann für Deutschland der Verteidigungsfall gegeben sein. Da sehe ich die Gefahr eines neuen Wettrüstens.

tagesschau.de: Gibt es in einem solchen Fall die Möglichkeit, das Internet einfach abzuschalten?

Stieler: Es gibt in den USA einen Gesetzentwurf, der einen Notstopp für das Internet vorsieht. Das heißt, dass der US-Präsident bei einem schwerwiegenden Angriff auf die Netzstruktur des Landes das Internet abschalten kann. Das wird unter dem Titel "Internet kill switch" diskutiert. Technisch ist das aber meiner Meinung nach gar nicht möglich. Das Internet ist derartig hochgradig vernetzt, dass man nicht einfach irgendwo einen Hauptschalter umlegen kann und nichts läuft mehr. Die gesamte Netzstruktur ist ja absichtlich dezentral aufgebaut. Einfach abschalten - das wird so nicht gehen. 

"Staaten bereiten sich auf 'Cyberwar' vor"

tagesschau.de: Was kann man dann tun?

Stieler: Die Militärs werden letztendlich darauf setzen, ihre kritischen Systeme vom Netz abzuschotten. Im Moment ist es ja so, dass jeder immer online sein muss, dass immer mehr Dinge miteinander vernetzt werden. Wahrscheinlich wird es zu einer gegenläufigen Tendenz  kommen. Die Systeme werden wieder vom Netz genommen.

tagesschau.de: Ist ein 'Cyberwar' schon jetzt eine realistische Möglichkeit?

Stieler: In den USA gibt es in den Reihen von Computer-Sicherheitsfirmen bereits Stimmen, die sagen, wir befänden uns längst im 'Cyberwar'. Selbst wenn das nicht stimmt, ist es trotzdem plausibel zu sagen, dass relativ viele Staaten sich im Moment aktiv auf eine solche Auseinandersetzung vorbereiten. Auf einer Zeitskala von fünf bis zehn Jahren halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass da größere Auseinandersetzungen passieren.

Das Interview führte Norbert Illes für tagesschau.de.