Ein orthodoxer Jude bei der Impfung in Bnei Brak | ABIR SULTAN/EPA-EFE/Shutterstock

Corona in Israel Zwischen guten Daten und Wahnsinn

Stand: 17.02.2021 08:47 Uhr

Gute Nachrichten aus Israel: Viele sind geimpft, der Impfstoff wirkt und kein Geimpfter ist gestorben. Doch es gibt weiterhin viele neue Corona-Fälle. Dass trotzdem gelockert wird, nennen manche schlicht Wahnsinn.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

In Tel Aviv bekommen Israelis nach der Impfung auch schon mal ein Stück Pizza gereicht. Mit der Aktion will die Stadtverwaltung die Impfmoral steigern. Mittlerweile hat beinahe die Hälfte der Bevölkerung eine erste Dosis bekommen. Bei den über 60-Jährigen hat ein Großteil auch die zweite Dosis bekommen.

Benjamin Hammer ARD-Studio Tel Aviv

"Das sind gute Nachrichten"

Die Zahl der älteren Israelis mit schweren Verläufen von Covid-19 oder gar Todesfällen sinkt rapide. Immer neue Studien der israelischen Krankenkassen belegen, dass der Impfstoff von BioNTech/Pfizer - der in Israel ausschließlich eingesetzt wird - wirkt.

Ein Mann erhält nach der Impfung in Bnei Brak eine Pizza | AFP

Beim Impfstoff kann man in Israel nicht wählen, bei der Pizza schon. In mehreren Orten - wie hier in Bnei Brak - sollen die Menschen mit kleinen Gesten wie dieser zur Impfung motiviert werden. Bild: AFP

So sieht es auch der Epidemiologe Ran Balicer von der Krankenkasse Clalit. "Unsere Forschungsergebnisse sind tatsächlich dramatisch", sagte er im Fernsehkanal 13. 94 Prozent der Geimpften seien vor Symptomen von Covid-19 geschützt. Dieser Wert habe eine große Ähnlichkeit mit den klinischen Studien von Pfizer.

"Zu Beginn dachten wir, dass wir diese Werte im echten Leben niemals erreichen können, zum Beispiel, weil der Impfstoff einmal nicht richtig gekühlt wurde", so Balicer. "Aber nein, unsere Ergebnisse sind den klinischen Ergebnissen sehr ähnlich. Und das sind gute Nachrichten."

Laut Kasse kein einziger Todesfall bei Geimpften

Auch eine andere Krankenkasse liefert vielversprechende Daten: Laut der Kasse Maccabi gab es in einer Gruppe von über 500.000 Geimpften keinen einzigen Todesfall im Zusammenhang mit Covid-19. Bei so vielen vermeintlich guten Nachrichten steigt auch der Druck auf die Politik, den Lockdown weiter zu lockern. Die Regierung ist fest entschlossen, Geimpften Privilegien einzuräumen.

Israels Premierminister Benjamin Netanyahu stellte im Fernsehkanal 12 den sogenannten Grünen Pass vor, der ab Sonntag zum Einsatz kommen soll. "Menschen mit einem Grünen Pass sollen zum Beispiel Kinos oder Fußballspiele besuchen dürfen, später würden damit auch Restaurantbesuche und Flüge ins Ausland möglich sein", sagte der Premier und fügte an: "Diejenigen, die keinen Grünen Pass haben, werden das nicht machen können. Damit möchte ich die geimpften Menschen schützen. Und alle anderen ermuntern, sich impfen zu lassen."

Gesundheitsminister Yuli Edelstein und Premier Benjamin Netanyahu bei einem Auftritt für die Medien mit Theodor Salzen, die Viermillionensten, der in Israel eine Impfung bekommen hat. | AP

Israel hat knapp neun Millionen Einwohner, vier Millionen haben bereits eine Impfung bekommen, worauf Gesundheitsminister Edelstein und Premier Netanyahu hier medienwirksam aufmerksam machen. Bild: AP

Entsetzen über Lockerungen

Klingt erst mal gut - auch für Netanyahu, der sich im Wahlkampfmodus befindet. Aber hinter den Kulissen herrscht teilweise Entsetzen über die Pläne der Regierung. Weil trotz der guten Studienlage noch keine Gewissheit herrscht, ob Geimpfte das Virus zum Beispiel weitergeben können. Und weil der Lockdown teilweise für alle gelockert wird - auch für jene ohne Impfung.

Auch die dürfen ab Sonntag in Einkaufszentren gehen. "Was zur Hölle geschieht hier?", fragt eine Kommentatorin der Zeitung "Yedioth Acharonot". Die Zahl der neu nachgewiesenen Infektionen liege weiterhin bei Tausenden pro Tag - wie vor dem Lockdown, der nun gelockert werde. Was die Regierung vorhabe, sei unglaublich.

"Ich verstehe nicht, wie das so schnell vergessen wird"

Nachman Ash, der Corona-Beauftragte der Regierung, sieht das ähnlich. In israelischen Medien tauchte ein Mitschnitt einer Kabinettssitzung auf: "Erst vor einer Woche haben wir über die Szenarien gesprochen, die eintreten könnten, wenn wir den Lockdown auf verantwortungslose Weise lockern. Hätte mir vor zwei Monaten jemand gesagt, dass wir in dieser Situation den Einzelhandel öffnen, hätte ich gedacht, er sei verrückt."

Die Sieben-Tage-Inzidenz in Israel gehört weiterhin zu den höchsten der Welt. Wissenschaftler warnen, dass sich das Virus nun verstärkt bei jenen ausbreiten könnte, die nicht geimpft sind - wie etwa Kinder. Zwar verläuft eine Infektion bei Kindern in der Regel milde. Es gibt aber Ausnahmen. Die Krankenhäuser in Israel wurden angewiesen, sich auf eine steigende Zahl von Kindern mit schweren Verläufen vorzubereiten.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 17. Februar 2021 um 11:05 Uhr.