Blick auf das Atomkraftwerk Tihange in der Dämmerung | EPA

Geplante Abschaltung Belgien weicht Aus für Atomkraftwerke auf

Stand: 23.12.2021 17:27 Uhr

Vor fast 20 Jahren hatte Belgien den Ausstieg aus der Atomkraft per Gesetz beschlossen. Jetzt geht die Regierung einen Schritt zurück. Grund ist die Sorge vor Engpässen bei der Energieversorgung.

Belgien weicht die für 2025 geplante Abschaltung seiner Atomkraftwerke auf. Zwar bekräftigte die Regierung das Ziel, die Anlagen Mitte des Jahrzehnts vom Netz zu nehmen. Allerdings sollen zwei Reaktoren weiter Strom produzieren, wenn die Energieversorgung nicht auf anderen Wegen sichergestellt werden kann.

Die sieben Parteien im Regierungsbündnis hatten mehrere Wochen um eine Entscheidung bei dem kontrovers diskutierten Thema gerungen. Belgien verfügt derzeit über zwei Atomkraftwerke. Die insgesamt sieben Reaktoren in Belgien werden vom französischen Versorger Engie betrieben.

In Belgien war der schrittweise Atomausstieg 2003 in Gesetz gegossen worden. Den Vollzug bis spätestens 2025 hatte die Regierung von Ministerpräsident Alexander De Croos bei ihrem Amtsantritt im Oktober 2020 angekündigt.

100 Millionen Euro für neue Technologien

Der Beschluss der Regierung in Brüssel stellt kein Aus für Atomkraft per se dar, da Belgien 100 Millionen Euro in die Erforschung neuer Technologien stecken will. Das Land will sich dabei vor allem auf ein neues Reaktorkonzept konzentrieren, das im Fachjargon als Small Modular Reactors (SMR) bekannt ist. Gegenüber Atomkraftwerken mit großer Leistung könnten SMR laut dem deutschen Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung sicherheitstechnische Vorteile erzielen, da sie ein geringeres radioaktives Inventar pro Reaktor aufweisen.

Der endgültige Ausstieg aus der Nuklearenergie ist in der Brüsseler Sieben-Parteien-Koalition umstritten. Während die grüne Energieministerin Tinne Van der Straaten einen Komplettausstieg fordert, argumentiert De Croos der liberalen Partei MR, dass bei einem vollständigen Atomausstieg die Versorgungssicherheit durch Gaskraftwerke sichergestellt werden müsse - und diese seien klimaschädlicher als AKWs. Rund 40 Prozent des in Belgien erzeugten Stroms kommen bislang aus Atomkraft.

EU uneins über Zukunft der Atomkraft

Über eine mögliche Renaissance der Atomkraft wird derzeit in der Europäischen Union heftig gestritten. Mit Spannung erwartet wird ein Rechtstext der EU-Kommission zu grünen Investitionen. Die Brüsseler Kommission unter Ursula von der Leyen erwägt, die Atomenergie dabei in eine Liste "nachhaltiger" Energieformen aufzunehmen. 

Während Deutschland den Atomausstieg weiter vorantreibt und eine Einstufung der Kernenergie als nachhaltig vehement ablehnt, gehört insbesondere Frankreich zu den Befürwortern einer solchen Bewertung.

Deutschland hatte nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima den beschleunigten Atomausstieg beschlossen, bis Ende 2022 sollen alle Akw vom Netz gegangen sein. Ende dieses Jahres werden die Standorte Brokdorf in Schleswig-Holstein, Grohnde in Niedersachsen und Gundremmingen in Bayern abgeschaltet.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. Dezember 2021 um 13:22 Uhr.