Swetlana Tichanowskaja | AFP

Belarussische Oppositionspolitikerin "Leute, passt auf Euch auf"

Stand: 11.08.2020 14:00 Uhr

Die Opposition in Belarus sieht sich nach dem Protest der vergangenen Abende im Aufwind. Ihre Anführerin Tichanowskaja aber hat das Land verlassen. Sie meldet sich mit einer Videobotschaft, die Spekulationen nährt.

Von Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau

Sichtlich mitgenommen spricht Swetlana Tichanowskaja in ihre Handykamera:

Wissen Sie, ich dachte, dass mich diese Wahlkampagne abgehärtet und mir so viel Kraft gegeben hat, dass ich alles aushalten kann. Aber ich bin anscheinend die schwache Frau geblieben, die ich ursprünglich war. Ich habe eine für mich sehr schwierige Entscheidung getroffen. Diese Entscheidung habe ich absolut selbstständig gefällt: Weder meine Freunde, Familie, der Wahlstab, noch mein Mann Sergej konnten darauf einwirken. Gott bewahre euch davor, vor so einer Entscheidung stehen zu müssen, wie ich.
Martha Wilczynski ARD-Studio Moskau

Aufgrund dieser Botschaft gehen nun viele davon aus, dass Druck auf Tichanowskaja ausgeübt wurde - in der Nacht hat die 37-jährige Herausforderin von Präsident Alexander Lukaschenko Belarus verlassen.

In der Sicherheit Litauens

Am Morgen schrieb der litauische Außenminister bei Twitter, Swetlana Tichanowskaja sei in Sicherheit. Sie sei in Litauen.

An der Stimmung im Land ändere das aber vorerst nichts, erklärte Tichanowskajas Pressesprecherin Anna Krasulina: "Es ist ein bisschen traurig, dass sie als unser Symbol jetzt in Litauen ist. Aber wir haben sofort gesagt, dass sie die Straßenproteste nicht anführen würde." Ihre Rolle habe darin bestanden, die Menschen zu einen und zu inspirieren, ihnen Vertrauen in sich selbst zu geben. Dass es ihr Recht sei, faire Wahlen abzuhalten, Veränderungen anzustreben, ihre Zukunft zu bestimmen. "Und damit war Swetlana erfolgreich."

Gestern brach der Kontakt ab

Gestern Vormittag hatte sich Tichanowskaja noch selbstbewusst gezeigt. Bei einer Pressekonferenz erklärte sie, dass sie das von der zentralen Wahlkommission verkündete Wahlergebnis nicht anerkennen werde - laut dem sie gerade einmal zehn Prozent der Stimmen erhalten haben soll. Gegenüber mehr als 80 Prozent für Amtsinhaber Lukaschenko. Das Ergebnis sei offensichtlich gefälscht. In Wirklichkeit habe sie die Wahl gewonnen.

Später am Tag hatte Tichanowskaja bei der Zentralen Wahlkommission in Minsk offiziell Beschwerde gegen das vorläufige Ergebnis eingereicht. Danach brach der Kontakt zu ihr ab, was bei ihrem Wahlstab und ihren Anhängern große Besorgnis auslöste.

Hatte sie eine Wahl?

Sie wisse nicht, warum Tichanowskaja das Land verlassen habe, sagt Sprecherin Krasulina. "Sie tat es, nachdem sie in der Zentralen Wahlkommission ein langes Gespräch geführt und dann das Gebäude verlassen hatte, ohne ihre Anwälte und ihr Team, die auf sie warteten."

Später tauchte ein zweites Video von Tichanowskaja auf - darauf liest sie mit mechanischer Stimme eine Botschaft vom Blatt ab. "Das belarussische Volk hat seine Wahl getroffen", sagt sie darin. "Ich rufe Euch zur Besonnenheit und zur Achtung des Gesetzes auf." In sozialen Netzwerken kursieren Spekulationen, dass dieses Video im Gebäude der Wahlkommission aufgenommen wurde und unter Druck entstand.

Ein belarussisches Nachrichtenportal meldet, dass Tichanowskaja von den belarussischen Behörden aus dem Land gebracht wurde - in Begleitung ihrer Stabschefin Maria Moroz, die kurz vor der Wahl festgenommen worden war. Eine Vertraute Tichanowskajas wird zitiert mit den Worten: "Swetlana hatte keine Wahl."

"Die Kinder sind das Wichtigste"

In den Schlussworten ihrer ersten Videobotschaft wendet sich Tichanowskaja noch einmal deutlich an ihre Anhänger:

Deswegen, Leute, passt bitte auf euch auf. Was jetzt passiert, ist kein Leben wert. Die Kinder sind das Wichtigste, das es in unserem Leben gibt.

In der Nacht waren wieder Tausende auf den Straßen. Erneut gab es gewaltsame Zusammenstöße mit der Polizei, zahlreiche Verletzte und sogar einen Toten. Tichanowskajas eigene Kinder sind nicht in Belarus. Sie hatte sie schon vor der Wahl, nach massiven Drohungen außer Landes gebracht.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 11. August 2020 um 12:00 Uhr.