Ichinari Toshitsugu | ARD-Studio Tokio

Japanische Insel bei Taiwan Was aus Yonaguni wird, falls China losschlägt

Stand: 22.08.2022 16:13 Uhr

Die Insel Yonaguni ist der westlichste Punkt Japans - nicht weit von Taiwan. Die Bewohner befürchten, dass bei einem Angriff Chinas Raketen auch ihre Insel treffen könnten. Von Tokio erwarten sie wenig.

Von Katharina von Tschurtschenthaler, ARD-Studio Tokio

Fischer Ichinari Toshitsugu und sein Boot sitzen immer häufiger auf dem Trockenen. Die Ausbeute ist mager dieses Jahr: Die Wassertemperatur steigt wegen des Klimawandels, und manchmal muss der 32-Jährige an Land bleiben. Befehl von oben - hinausfahren sei zu gefährlich, wegen der Chinesen.

Als im Rahmen der Manöver rund um Taiwan nach US-Politikerin Nancy Pelosis Besuch vor etwas mehr als zwei Wochen mehrere chinesische Raketen in Hörweite der Fischer ins Wasser einschlugen, gab es erstmal fünf Tage Ausfahrverbot. Und ein wachsendes Gefühl der Angst, dass ein möglicher Angriff auf Taiwan den Frieden auf Insel für immer beendet.

Taiwan in Sicht

Yonaguni ist der westlichste Punkt Japans, liegt nur 110 Kilometer östlich von Taiwan, an klaren Tagen kann man die Umrisse der Insel am Horizont erkennen. Die 1500 Einwohner von Yonaguni leben vom Fischfang, arbeiten im kleinen Rathaus oder kümmern sich um die wenigen Tauchtouristen.

Viele Jahrzehnte lang litt die Insel unter Bevölkerungsschwund. Vor fünf Jahren dann verlegte das japanische Verteidigungsministerium etwa 160 Angehörige der Selbstverteidigungsstreitkräfte nach Yonaguni - es reagierte damit auf die wachsende Bedrohung durch China.

Seitdem ist wieder mehr Leben auf der Insel: Die Armee kontrolliert die Gewässer und den Luftraum, ihre Kinder gehen in die lokale Grundschule, die Frauen der Soldaten arbeiten in den kleinen Lebensmittelläden.

Karte mit Taiwan und der japaniaschen Insel Yonaguni

Ein Fax aus Tokio

Vom Massentourismus ist die Insel bislang unberührt, es gibt keine Hotelressorts, stattdessen azurblaues Wasser und menschenleere Strände. Das hektische Tokio fühlt sich nicht nur unglaublich weit entfernt an, es ist es auch: 2000 Kilometer. Von der dortigen Politik fühlen sich die Bewohner von Yonaguni im Stich gelassen.

"Obwohl gerade 80 Kilometer von hier Raketen einschlugen, war die Reaktion der Regierung ein läppisches Stück Papier. Die haben ein Fax geschickt, um uns darüber zu informieren. Was soll ich denn davon halten?", fragt Fischer Toshitsugu.

Er war selbst Soldat, doch er vertraut nicht darauf, dass die im Falle eines Angriffs die Insel verteidigen können. Seit er vor zwei Jahren ausgeschieden ist, versucht er nun, seine Familie mit dem Fischfang zu ernähren. Seine Frau erwartet ihr erstes Kind. "Ob das in Frieden aufwachsen kann?" fragt er sich.

Eine Taiwan zugewandte Bucht von Yonaguni | ARD-Studio Tokio

Yonaguni ist der westlichste Punkt Japans - an klaren Tagen sieht man bis zum 110 km entfernten Taiwan. Bild: ARD-Studio Tokio

"Keine sicheren Orte auf der Insel"

Ein paar Kilometer weiter steht Kenichi Itokazu, der Insel-Bürgermeister, in seinem Rathaus über eine große Landkarte gebeugt und runzelt die Stirn. Im Ernstfall möchte er seine Bürger schnellstmöglich evakuieren, doch wohin?

"Es gibt keine sicheren Orte auf der Insel, keinen Platz, um sich zu verstecken", sagt Itokazu. Er glaubt zwar nicht daran, dass China Taiwan in naher Zukunft angreift - zu sehr fürchtete das Land Sanktionen der USA und Europa - aber falls das doch eintreten sollte, könnte seine Insel zum Kollateralschaden werden.

Mindestens eine Woche würde es dauern, alle Inselbewohner auszufliegen. Denn die zwei Häfen sind winzig, ebenso der Flughafen, die Landebahn zu kurz für große Maschinen. Deshalb arbeitet der Bürgermeister nun an einem Plan, die Infrastruktur auszubauen.

Insel-Bürgermeister Kenichi Itokazu vor einer Insel-Landkarte | ARD-Studio Tokio

Insel-Bürgermeister Kenichi Itokazu kämpft für einen Evakuierungsplan der Insel für den Notfall. Bild: ARD-Studio Tokio

Sorge um die Evakuierung

Doch Tokio ist keine große Hilfe: Demnächst sollen zwar mehr Streitkräfte auf die Yonaguni-Basis versetzt werden, doch bei einer möglichen Evakuierung der Zivilisten nutzen sie wenig, denkt Itokazu. "In ein bis zwei Jahren ist China Amerika wirtschaftlich ebenbürtig. Dann könnten sie einen militärischen Angriff wagen."

Er hofft, dass die japanische Regierung bis dahin eine Lösung für seine Insel gefunden hat. "Wenn es hart auf hart kommt, möchte ich keinen einzigen Bürger hier zurücklassen müssen."

Ein Fischer zerteilt einen Blauen Marlin. | ARD-Studio Tokio

Der Blaue Marlin, der den Fischern von Yonaguni an diesem Tag ins Netz gegangen ist, bringt umgerechnet 700 Euro ein - ein stattlicher Fang. Bild: ARD-Studio Tokio

Hinausfahren - trotz der Angst

Zurück im Hafen macht Toshitsugu auf seinem Boot klar Schiff. Seine Kollegen haben gerade einen großen Fang gemacht: der blaue Marlin, den sie aus dem Wasser gezogen haben, bringt umgerechnet gut 700 Euro.

Der 32-Jährige möchte auch bald wieder hinausfahren - trotz des Risikos, dass jederzeit wieder eine chinesische Rakete ins Meer fallen könnte. Aber die Miete muss bezahlt werden, und der Flug auf die nächstgrößere Insel für die nächste Ultraschall-Untersuchung seiner schwangeren Frau."

Wenn ich draußen bin, fahre ich oft an taiwanischen Fischern vorbei. Wir winken uns dann zu wie Freunde", erzählt er. "Das sind doch auch Menschen, die vom Meer leben, und die haben ja noch viel größere Angst als wir hier."

Diese und weitere Reportage sehen Sie auch in den tagesthemen - um 22.15 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 22. August 2022 um 23:00 Uhr.