Der israelische Oppositionspolitiker Yair Lapid in einem Fernsehinterview | AFP

Wahl in Israel Netanyahus Herausforderer Nummer Eins

Stand: 19.03.2021 13:04 Uhr

Israels Wähler kennen den Wankelmut von Spitzenkandidaten. Der Liberale Lapid hat dagegen schon Standhaftigkeit bewiesen. Er könnte Premier Netanyahu bei den Wahlen am kommenden Dienstag gefährlich werden.

Von Tim Aßmann, ARD-Studio Tel Aviv

"Lasst uns den Sonnenaufgang herbeiführen", singen sie in einem Wahlwerbespot. "Mitten in der Nacht wird die Sonne aufgehen". Mit der Nacht ist die aktuelle israelische Regierung gemeint, geführt von Benjamin Netanyahu. Die Sonne im Video und im Text steht für Yair Lapid.

Tim Aßmann ARD-Studio Tel Aviv

Der 57-Jährige ist Parteichef von Yesh Atid. Übersetzt heißt das "Es gibt eine Zukunft" - und in der ist für Netanyahu als Premierminister kein Platz mehr. An dieser Überzeugung lässt Lapid keinen Zweifel, und das sagte er Netanyahu in einer Parlamentsdebatte auch schon ins Gesicht.

Sie sind seit 32 Jahren in der Politik. Seit 32 Jahren haben Sie keinen Parkplatz mehr suchen müssen. Seit 32 Jahren mussten Sie beim Arzt nicht warten. Am Ende macht es etwas mit einem Menschen. Es sind zu viele Jahre.

Der liberale Politiker Lapid und Israels nationalkonservativer Langzeitpremier Netanyahu waren schon einmal Koalitionspartner. 2013 wurde Lapid Finanzminister unter Netanyahu. Nach eineinhalb Jahren kam der Bruch, Lapid stieg aus der Koalition aus.

Ein Mann geht an einem Wahlplakat vorbei, auf dem Israels Premier Netanyahu und sein Herausforderer Lapid zu sehen sind. | AFP

Israels Premier Netanyahu sieht in Lapid seinen gefährlichsten Herausforderer und geht ihn im Wahlkampf hart an. Bild: AFP

Freiwillig in die Opposition

Bei der letzten Wahl in Israel vor rund einem Jahr trat Lapids Partei als Teil des Bündnisses Blau-Weiß an, geführt von Ex-Armeechef Benny Gantz und schon damals mit dem Ziel, Netanyahu, den Premier unter Korruptionsanklage, aus dem Amt zu jagen.

Als Gantz sein Wahlversprechen brach und doch einen Pakt mit Netanyahu schloss, ging Lapid lieber in die Opposition. Das habe ihm in der Bevölkerung Respekt eingebracht, glaubt der Politologe Reuven Hazan von der Hebräischen Universität Jerusalem.

Als einziger hat er immer gesagt: 'Wir werden nie mit Netanyahu koalieren'. Das brachte Ansehen. Viele im Mitte-Links-Lager glauben dass er das Potential hat, Regierungschef zu sein. Im rechten Lager denken viele, er ist unvorbereitet und nicht dazu in der Lage.

Kritik an ultraorthodoxen Parteien

Sänger, Schauspieler, Romanautor - Lapid war schon vieles. Bekannt wurde er in Israel als Journalist und Fernsehmoderator. 2012 ging er in die Politik und trat damit in die Fußstapfen seines Vaters Tommy, der Jahre zuvor die Partei Schinui führte und Justizminister war.

Wie sein Vater kritisierte auch Yair Lapid in der Vergangenheit die streng-religiösen jüdischen Parteien und ihre Klientelpolitik scharf. In diesem Wahlkampf hält er sich damit zurück, denn vielleicht braucht er die ultraorthodoxen Parteien ja noch.

Parlamentsmehrheit möglich

Umfragen zufolge könnte Lapids Yesh Atid-Partei am kommenden Dienstag hinter Netanyahus Likud zweitstärkste Kraft werden und zusammen mit anderen Kräften des Anti-Netanyahu-Lagers eventuell sogar auf eine Parlamentsmehrheit kommen.

Auf die Frage, ob er Premierminister werden wolle, antwortete Lapid, er sei bereit sein Ego zurückzustellen. Wichtig sei ein Ende der Ära Netanyahu:

Israel muss genesen von Corona. Die Wirtschaft muss genesen und wir müssen von dem Hass genesen, der uns innerlich zerreißt. Unser politisches System muss von der Korruption und den Eigeninteressen genesen.

"Zeit, die Fackel zu übergeben"

Netanyahu sieht in Lapid mittlerweile seinen gefährlichsten Herausforderer und greift ihn im Wahlkampf frontal an. Lapids Umfragewerten hat das bisher nicht geschadet. Er wiederholt immer wieder seine Botschaft an den Premierminister: Zeit zu gehen.

Sie sind bereits zu viele Jahre an der Macht. Es gibt eine neue Generation mit neuen politischen Führern. Es ist an der Zeit, Ihnen die Fackel zu übergeben.

Und Fackel heißt auf Hebräisch übrigens: Lapid.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. März 2021 um 05:44 Uhr.