Menschen mit Plastikgallonen warten in der Schlange an einer Tankstelle in Beirut.  | dpa

Versorgungskrise im Libanon Schlange stehen für ein wenig Benzin

Stand: 14.06.2021 08:41 Uhr

Im Libanon mangelt es derzeit an Treibstoff, Strom und Medikamenten. Denn das Land steckt in einer schweren Wirtschafts- und Finanzkrise. Viele Libanesen befürchten, dass die Situation noch schlimmer wird.

Anne Allmeling ARD-Studio Kairo

Von Anne Allmeling, ARD-Studio Kairo, zzt. Beirut

Layali hat ihr Ziel fast erreicht. Sechs, sieben Autos stehen in der Schlange an der Tankstelle noch vor ihr. Dann ist sie an der Reihe. "Ich weiß nicht, wie viel ich bekomme, aber ich nehme so viel, wie sie mir geben."

Schon seit zwei Stunden wartet Layali, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte, darauf, ihren Tank zumindest mit ein paar Liter Benzin zu füllen. Die 31-Jährige arbeitet als Dozentin an einer Universität im Zentrum von Beirut. Das Auto braucht sie für den Weg zur Arbeit. 

"Dies ist schon der zweite Tag, an dem ich versuche, Benzin aufzutreiben. Gestern bin ich durch die ganze Stadt gefahren, um eine geöffnete Tankstelle zu finden. Dann habe ich vier Stunden lang gewartet. Als nur noch vier oder fünf Autos vor mir in der Schlange waren, hieß es, es gebe kein Benzin mehr."

Land steckt seit fast zwei Jahren in der Krise

Wer im Libanon tanken will, braucht viel Geduld. Denn Treibstoff ist Mangelware. Für die Einfuhr fehlen dem Land die Devisen. Seit fast zwei Jahren steckt der Libanon in einer schweren Finanz- und Wirtschaftskrise. Die Corona-Pandemie und die Explosion im Hafen von Beirut vor gut zehn Monaten haben die Lage noch verschärft. Die Regierung ist nach ihrem Rücktritt nur noch geschäftsführend im Amt, aber kaum handlungsfähig. Zudem droht eine Staatspleite. Die Benzinpreise haben sich mehr als verdreifacht - doch viele Libanesen haben keine Wahl.

"Es gibt keine öffentlichen Verkehrsmittel, keine Eisenbahn. Es gibt nur private Verkehrsmittel", sagt Jihad Shehab. Der 52-jährige Verkäufer wartet seit eineinhalb Stunden auf Benzin für seinen Uralt-Mercedes. Weil sich die Schlange nur sehr langsam bewegt, ist er aus dem Auto ausgestiegen, unterhält sich mit einem Bekannten. "Die Situation wird immer schlimmer. Nichts geht voran, weder bei der Regierung, noch beim Staat, nichts", klagt er. Alles sei aus dem Ruder gelaufen.

Direkt vor der Tankstelle kommt es zum Streit. Ein Taxifahrer beschwert sich: Gerade einmal zwanzig Liter habe er bekommen - keinen vollen Tank wie der Kunde vor ihm. Auf dessen Auto prangt ein besonderes Nummernschild, das sich nur wenige Libanesen leisten können - wenn sie entsprechende Verbindungen haben.

Kaum Proteste gegen politische Elite

Vetternwirtschaft und Korruption sind im Libanon weit verbreitet. Ein Grund dafür, dass sich einflussreiche Politiker und Geschäftsleute in den vergangenen Jahrzehnten in großem Stil bereichern konnten - auf Kosten des Staates, der nun fast bankrott ist. Diese Leute müssten aus ihren Ämtern verjagt werden, meint eine junge Frau, die ihren Namen nicht nennen möchte: "Die Verantwortlichen im Libanon übernehmen keine Verantwortung. Die einzige Lösung wäre, dass das Volk Druck auf den Staat ausübt." Aber wenn es keinen Aufstand gebe, werde sich die Lage nicht verbessern.

Zu Protesten gegen die politische Elite kommt es im Libanon jedoch nur noch vereinzelt. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung gilt inzwischen als arm. Die meisten Menschen sind tagtäglich damit beschäftigt, ihr Überleben und das ihrer Familie zu sichern - wie Layali. Sie ist inzwischen die Nummer drei in der Schlange - aber auch heute bekommt sie kein Benzin. Die Tankstelle schließt, noch bevor sie an der Reihe ist. "Es hat leider nicht geklappt. Das passiert mir jetzt schon zum fünften Mal. Ich muss es weiter versuchen."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 14. Juni 2021 um 05:45 Uhr.