Angehörige der Badri-Spezialeinheit der Taliban patrouilleren auf dem Rollfeld des Kabuler Flughafens. | AFP

Afghanistan Warten auf die Taliban-Regierung

Stand: 31.08.2021 14:53 Uhr

Am Tag nach dem US-Abzug aus Afghanistan ist die Lage in der Hauptstadt Kabul ruhig. Unklar ist, wie es im Land weitergeht, eine offizielle Regierung gibt es noch nicht. Viele fürchten eine neue Schreckensherrschaft der Taliban.

Zwei Wochen nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan ist immer noch unklar, wie die neue Regierung aussehen soll. Mit dem Abzug der US-Truppen nach einem fast 20 Jahre langen Einsatz richten sich die Blicke nun auf die erneute Herrschaft der militant-islamistischen Taliban.

Ruhige Lage in Kabul

Am Tag nach dem US-Abzug sprachen Bewohner Kabuls von einem ruhigen Tagesbeginn. Demnach sind die meisten Geschäfte im Stadtteil Schahr-e Nau geöffnet, haben aber kaum Kunden. Ein paar Banken hätten nach fast zwei Wochen ihre großen Filialen geöffnet. Hunderte Menschen stünden an, um Geld abzuheben. Die Taliban seien in den Straßen kaum zu sehen und bewachten lediglich bestimmte Gebäude.

Die Islamisten versprachen den Bewohnern Afghanistans Sicherheit, mahnten sie aber gleichzeitig zur Geduld. "Afghanistan ist endlich frei", sagte der ranghohe Kommandeur Hekmatullah Wasik der Nachrichtenagentur AP. "Hoffentlich werden wir bald unser Regierungskabinett bekannt geben. Alles ist friedlich. Alles ist sicher."

Wasik rief die Menschen im Land auf, wieder an die Arbeit zurückzukehren, und bekräftigte, dass es eine Amnestie für all jene geben werde, die mit der Vorgängerregierung oder mit der NATO zusammengearbeitet hätten. "Die Leute müssen Geduld haben", mahnte er gleichzeitig. "Langsam wird alles wieder normal werden. Es wird Zeit brauchen."

Die bekannte Frauenrechtlerin Fausia Kufi forderte von den Taliban, das Land gemeinsam wieder aufzubauen. Der Reichtum Afghanistans seien seine jungen Menschen, Mädchen und Jungen, jene, die im Land seien, und jene, die in der Zukunft zurückkehrten, schrieb Kufi auf Twitter. "Dieses Land gehört uns allen."

Zehntausende bleiben zurück

Mehr als 114.000 Menschen wurden in den vergangenen zwei Wochen aus der Hauptstadt ausgeflogen. Immer noch befinden sich aber Zehntausende Menschen in Afghanistan, die vor den Taliban fliehen wollen. Viele, unter ihnen Journalisten, Menschen- und Frauenrechtsaktivistinnen, fürchten nach ihrer Kooperation mit den Alliierten jetzt die Rache der Taliban. Andere sorgen sich, dass die militante Gruppe erneut durch Unterdrückung und mit drakonischen Strafen herrschen könnte.

Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid versuchte, nach dem US-Abzug zu beruhigen. "Wir wollen, dass unsere Menschen keine Angst haben, Afghanistan ist unsere gemeinsame Heimat, ihr könnt hier bleiben, ihr müsst nicht fliehen", sagte er. "Aber wenn Menschen ausreisen wollen, um ein sicheres Leben zu wählen, dann werden wir es ihnen erleichtern, aber auf rechtmäßige Weise, sie sollten ein Visum haben und sie können über den Flughafen fliegen."

Flughafen massiv beschädigt

Derzeit kann der zivile Teil des beschädigten Flughafens allerdings keine Flüge abfertigen. Nun sind die Taliban mit der Türkei und Katar im Gespräch, wie der Flugbetrieb wieder aufgenommen werden könnte, damit weitere bedrohte Menschen das Land schnell verlassen können.

Dass der Flughafen schnell wieder funktionsfähig ist, ist auch die Voraussetzung dafür, dass dringend benötigte humanitäre Güter in das Land gebracht werden können. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen benötigen mehr als 18 Millionen Menschen in Afghanistan Hilfe. Die Hälfte aller afghanischen Kinder unter fünf Jahren weisen demnach bereits Anzeichen von Unterernährung auf. Das Land mit seinen 38 Millionen Einwohnern war zudem in den vergangenen zwei Jahrzehnten auf Milliarden Euro an Hilfszahlungen aus dem Ausland angewiesen, auf die die Taliban nicht mehr zurückgreifen können.

Der UN-Sicherheitsrat erhöhte derweil den Druck auf die Taliban, die Menschenrechte zu wahren und Ausreisewillige ungehindert passieren zu lassen. UN-Resolutionen sind völkerrechtlich bindend. Eine UN-Sicherheitszone, die zuletzt Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ins Spiel gebracht hatte, erwähnt die Resolution aber nicht.

Debatte über Umgang mit Taliban

Seit Tagen gibt es eine Debatte unter den westlichen Staaten, wie man mit den Taliban umgehen soll. Dabei geht es etwa darum, ob man die Entwicklungshilfe fortsetzen sollte, ob die Taliban anerkannt werden sollten und wie ernst man deren Sicherheitszusagen nehmen kann. Einige Länder wie Großbritannien warnen davor, die neuen Machthaber in Kabul bilateral als Regierung anzuerkennen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte, die Bundesregierung sei im Gespräch mit europäischen Partnern, um nach einem Weg für reguläre Kontakte mit den Taliban in Kabul zu suchen.

Gemäßigtere Taliban - und ein gemeinsamer Gegner?

Der pakistanische Außenminister Shah Mehmood Quereshi forderte den Westen auf, mit den Taliban zusammenzuarbeiten und einen wirtschaftlichen Kollaps des Landes zu verhindern. Er forderte, zunächst auf die Zusagen der Taliban zu vertrauen, die einen Vertrauensvorschuss verdienten und verwies darauf, dass die Taliban in Kürze eine Regierung vorstellen wollten. Es gebe Hinweise, dass sie anders seien als in den 1990er-Jahren.

Seit ihrer Machtübernahme versuchen die Taliban, sich als gemäßigter darzustellen als zu ihrer Schreckensherrschaft zwischen 1996 und 2001. Die Islamisten haben versprochen, auch andere politische Kräfte in ihre neue Regierung einzubinden.

Möglicherweise könnten auch die Extremisten des "Islamischen Staats" (IS) die Taliban und den Westen einander näherbringen. Der IS-Ableger in Afghanistan, ISIS-K, und die Taliban sind verfeindet. Dieser Aspekt wäre eine Möglichkeit etwa für die USA, mit den Taliban zu kooperieren oder zumindest Informationen auszutauschen. ISIS-K hat auch die Verantwortung für den Selbstmordanschlag am 26. August am Kabuler Flughafen übernommen, bei dem Dutzende afghanische Zivilisten und 13 US-Soldaten getötet wurden.

Kämpfe im Pandschir-Tal

Widerstand schlägt den Taliban auch in der Provinz Pandschir entgegen. Diese ist die einzige der 34 Provinzen des Landes, die noch nicht unter Kontrolle der Islamisten steht. Taliban-Kämpfer hätten am Montagabend am Eingang zum Pandschir-Tal angegriffen, sagte der Sprecher der Nationalen Widerstandsfront, Fahim Daschti, in einer auf WhatsApp geteilten Videonachricht. Mehrere Taliban seien getötet worden, auf beiden Seiten habe es Verletzte gegeben. Zuletzt hatte es von beiden Seiten geheißen, man wolle die offene Machtfrage durch Verhandlungen lösen.

Gleichzeitig bauen prominente Afghanen aus dem Tal einen Widerstand gegen die Islamisten auf. Pandschir konnte von den Taliban auch während ihrer ersten Herrschaft nicht erobert werden. Das lag neben dem erbitterten Widerstand der Nordallianz auch an der geografischen Lage - der Eingang zum Tal ist eng und gut zu verteidigen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 31. August 2021 um 12:00 Uhr.