Erdogan stellt Raumfahrtprogramm der Türkei vor | AP

Türkei will in den Weltraum Erdogans Mondfahrt

Stand: 11.02.2021 14:58 Uhr

Der türkische Präsident Erdogan hat eine große, nationale Raumfahrtmission angekündigt. In sieben Jahren will die Türkei auf dem Mond forschen. Nebeneffekt: Die Schlagzeilen verdrängen andere, unangenehme Debatten.

Von Marion Sendker, ARD-Studio Istanbul

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan will abheben und die Türken im wahrsten Sinne des Wortes zum Mond schießen. In einer groß angelegten Veranstaltung stellte er das nationale Raumfahrtprogramm vor und erklärte es gleich zum wichtigsten und obersten Ziel des Landes.

"In der ersten Phase wollen wir Ende 2023 in der Erdumlaufbahn eine original türkische Hybridrakete zünden, damit den Mond erreichen und eine 'harte Mondlandung' durchführen. Das werden wir in internationaler Zusammenarbeit machen", verkündete er.

Eine weitere Form der Geschlechtertrennung?

Danach sollten auch türkische Mitbürger auf den Mond geschickt werden, sagte der Staatschef. Auch eine Frau dürfe ins All, betonte der Präsident und kassierte für diese Aussage viel Ärger in den sozialen Netzwerken. Denn ob es Erdogan wirklich um Emanzipation oder vielleicht auch nur um eine neue Stufe der Geschlechtertrennung geht, sagte er nicht.

Stattdessen kündigte er an, dass Phase Zwei für 2028 geplant sei: "Dann sollen von uns entwickelte Raketen eine Sonde in die Erdumlaufbahn bringen und auf der Mondoberfläche eine weiche Landung vornehmen." Damit würden die Türkei zu den wenigen Ländern gehören, die auf dem Mond wissenschaftlich forschten.

Ankündigung folgt Muster

Zukunftsträume wie diese sind typisch Erdogan: Die geplante Raumfahrtmission ist wohl seine neueste PR-Kampagne. Gestern trat er noch eine Diskussion über eine neue Verfassung los, heute erzählt er vom Mond - um von den Problemen des Landes abzulenken.

Auf diese Strategie setzt Erdogan schon lange, wie sein Schwiegersohn und Ex-Finanzminister, Berat Albayrak, bereits vor zwei Jahren preisgab. Ein Bürger habe ihm versichert, dass er Staatschef Erdogan sofort glauben werde, wenn dieser behaupten würde, eine vierspurige Autobahn zum Mond zu bauen, erzählte er damals.

Pandemie verstärkt Wirtschaftskrise

Mittlerweile haben zwar auch einige AKP-Anhänger angefangen, Erdogan in Frage zu stellen. Seine Taktik funktioniert aber immer noch: Denn Medien und Nutzer sozialer Netzwerke sprechen gerade mehr über die Raumfahrtmission als über die wirklichen Probleme des Landes. Die Wirtschaftskrise hat sich durch die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie massiv verstärkt.

Im letzten Jahr stieg die Rate der Firmenpleiten um mehr als 43 Prozent und jeder Fünfte in der Türkei ist Schätzungen zufolge arbeitslos. Dazu äußert sich Erdogan selbst selten, und wenn, dann eher so wie bei der letzten Kabinettssitzung: "Allein unser sozialer Unterstützungsfond für die Bürger hat 51 Milliarden Türkische Lira überschritten. Wir haben Hunderte Milliarden Lira direkt oder indirekt in den Dienst unserer Bürger gestellt."

82 Millionen Euro für Paläste

Aktuelle Umfragen wie die der Gewerkschaft DISK ergeben ein anderes Bild: Sieben von zehn Menschen sind demnach verschuldet und 40 Prozent der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Zeitgleich sieht der Staatshaushalt für dieses Jahr zum Beispiel Ausgaben in Höhe von 82 Millionen Euro für zwei neue Paläste Erdogans vor.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 11. Februar 2021 um 13:11 Uhr.