Eine Frau demonstriert vor einem Gerichtsgebäude in Bangkok (Thailand) gegen das 112-Gesetz gegen Majestätsbeleidigung. | AFP

Thailands Opposition Die "durch den Himmel brechen" wollen

Stand: 30.12.2021 16:51 Uhr

Thailands Opposition riskiert viel: Wer das Regime und den König kritisiert, verschwindet schnell für Jahre im Gefängnis. Doch die Aktivisten wollen sich nicht einschüchtern lassen. Ihr Widerstand ist auf lange Zeit angelegt.

 Von Lena Bodewein, ARD-Studio Südostasien

Das neue Jahr beginnt, und die Demokratie-Aktivisten von Thalufah haben Großes vor. Sie sitzen in einem Hof in Zentral-Bangkok und planen, was sie das ganze Jahr über machen wollen. Sie sprechen über große Demonstrationen im Norden, Nordosten, Süden und Osten des Landes und in der Hauptstadt. "Es wird groß", ist einer von ihnen überzeugt.

In diesem Haus leben ein Dutzend junger Leute, Frauen, Männer, auch ein siebenjähriges Kind. Ein 18-Jähriger trägt eine elektronische Fußfessel. Einige rauchen, während sie unter einem Pavillon sitzen, den sie aufgestellt haben, weil im Haus gegenüber, einer Schule, die Polizei sitzt und alles beobachtet, was sie so tun.

Dann wird Essen gebracht, pikante Fleischbällchen, gefüllte Datteln stehen in bunt zusammengewürfelten Schüsseln auf dem Tisch. Sie kochen abwechselnd in der Demokratie-WG. Eine riesige 112 ist an die Wand gepinselt, darum herum lauter Strichmännchen, die hinter Gittern sitzen.

Wenn der König kritisiert wird

112, das ist der Artikel im thailändischen Strafgesetzbuch, der sich um "Lese Majeste", um Majestätsbeleidigung dreht. Und mit Hilfe dieses Artikels bringt die Regierung reihenweise Personen hinter Gitter, die ihr unlieb sind. Für Kleinigkeiten kann es schnell 15 Jahre Gefängnis pro Tat geben.

Und was unter Majestätsbeleidigung fällt, das wird sehr hart ausgelegt. Der Student Pai Dao Din hatte im Dezember 2016 ein Portrait des zukünftigen Königs auf Facebook geteilt, das die BBC auf Thai erstellt hatte. Es zeichnete nicht ganz das jubelnde Bild, das sonst nur zulässig ist. Pai wurde angeklagt und war die erste Person, die wegen Beleidigung von Maha Vajiralongkorn zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

Durch ihn wurde Dino zum Aktivisten. Er ist Jurastudent und erzählt, dass er sich danach gefragt habe, wie so etwas unter den Gesetzen des Landes möglich sei? "Da muss doch etwas falsch sein", meint er.

Ein Protestmarsch mit Folgen

Dino sitzt vor der riesigen 112 an der Wand und erzählt von der Tour, die er mit Pai unternommen hat. Denn als der wegen Majestätsbeleidigung vor Gericht erscheinen musste, ging er nicht einfach so hin. Er brach er mit anderen gemeinsam zu einer Wanderung durch Thailand auf, rund 250 Kilometer von seiner Heimat bis Bangkok.

Das war der Marsch, auf dem der Name "Thalufah" entstand, der Name ihrer Organisation. "Das bedeutet: durch den Himmel brechen, weil es möglich ist, durch alles hindurch zu brechen", berichtet Dino. Als die Teilnehmer des Marsches Bangkok erreicht hatten und Pai vor Gericht erscheinen musste, hätten die übrigen Teilnehmer beschlossen, neben dem Regierungsgebäude aufzuschlagen. Sie nannten es "Thalufah Village" und blieben 15 Tage lang dort, bis die Polizei das Lager auflöste. So begann "Thalufah".

Es geht um die gesamte Führung

An einer Mauer im Hof ist Prayuth Chan O-Cha abgebildet, grinsend, mit Teufelshörnern. "Failed State" steht daneben, gescheiterter Staat, und: "Wechselt ihn aus, dann ist der Staat sicher". Die Aktivisten sehen nicht nur den Premierminister als Problem. Der König besitze alles im Land, meint Dino wütend, und das sei ein Problem - weil die Bevölkerung unter Projekten leide, gegen die sie kaum etwas machen kann.

Im "Thalufah"-Quartier sind keine Spott-Bilder vom König zu sehen, aber er ist doch allgegenwärtig - in den Protestideen und in der Wut, die er auslöst. Sam zum Beispiel, ein Freund von Pai, erzählt, dass sie auch deshalb so sauer auf den König sind, weil er alles auf sich vereine: die Militärmacht, das Geld, die Willkür. Er habe die Verfassung so ändern lassen, dass er über einen Teil des Militärs bestimmt, dass er über den ganzen Reichtum der Krone bestimmt. Und in seinem Namen würden alle ins Gefängnis gesteckt.

Widerständige Chilipaste

An den Wänden hängen Bilder derjenigen von ihnen, die im Gefängnis sitzen. Pai, Penguin und andere ihrer Wortführer. Der 18-jährige Boon ist auf Kaution frei, aber muss Fußfessel tragen. In diesem Haus lebt ein Dutzend Aktivisten, in einem anderen nochmal 30. Um ihre Aktionen zu finanzieren, kochen sie riesige Mengen Chilipaste, die sie in kleine Töpfchen gefüllt verkaufen. Oder Sets zum Blumenpflanzen - Guerillagärtnern sozusagen.

Peace, die siebenjährige Tochter von Sam, kommt zu den Protestaktionen nicht mit. Aber warum sie alle hier sind, weiß sie: "Um Prayut loszuwerden!"

Dass das dauern kann, ist den jungen Leuten bewusst. Sie planen langfristig, denken in zwei, drei, fünf Jahren. Spätestens wenn die kleine Peace groß ist, soll sie echte Demokratie erleben.