Demonstrierende in Bangkok | picture alliance / NurPhoto

Thailand Der Unmut wächst mit den Corona-Zahlen

Stand: 23.07.2021 10:32 Uhr

Die Corona-Krise befeuert die soziale Spaltung in Thailand: Während sich Reiche für Geld schnell testen lassen können, müssen die Ärmeren für kostenlose Tests Schlange stehen. Die Wut auf die Regierung wächst.

Von Lena Bodewein, ARD-Studio Singapur

Wasserwerfer und Tränengas auf der einen Seite, Leichensäcke mit roter Farbe besprenkelt und brennende Reifen auf der anderen: Am vergangenen Wochenende entlud sich trotz Versammlungsverbots die Wut der Thailänder auf ihre Regierung. Mehr als Tausend Menschen marschierten in Bangkok auf das Regierungsbüro von Premierminister Prayut Chan-o-cha zu.

Lena Bodewein ARD-Studio Singapur

Auch die 34-jährige Büroangestellte Kanyaporn Veeratat war dabei: "Was die Regierung tut, macht mich fertig. Sie hat die ganze Situation sehr schlecht gehandhabt, und wenn wir nichts tun, ändert sich nichts", sagt sie. "Wir brauchen bessere Maßnahmen. Sie sollten ihre Augen aufmachen und sehen, wie die Menschen leben und leiden, und sich nicht wie Diktatoren vom Volk fernhalten. Ich bin sehr enttäuscht."

Wasserwerfereinsatz bei Protesten in Thailand | picture alliance/dpa/SOPA Images

Wasserwerfereinsatz bei Protesten in Thailand. Bild: picture alliance/dpa/SOPA Images

"Thailand hat zu wenig Impfstoff besorgt"

Es sehe finster aus für Thailand, besonders in Bangkok und den umliegenden Provinzen, wo es jetzt wieder einen Lockdown gebe, sagt Thitinan Pongsudhirak, Direktor des Instituts für Wissenschaft und internationale Sicherheit an der Chulalongkorn Universität in Bangkok. "Es ist ein dreifacher Schlag: Das Virus ist mit voller Kraft zurück, verstärkt durch die Delta-Variante. Die Zahlen steigen aufs Fünfstellige, das wird noch ewig so weitergehen", sagt er.

"Zum zweiten ist die Impfsituation sehr unklar. Thailand hat zu wenig Impfstoff besorgt, zu wenig Sorten von Impfstoffen, darum lässt sich auch nichts gegen die Ausbreitung des Virus tun", so Pongsudhirak. "Das überträgt sich auf das Leben der Menschen. Sie sind aufgebracht und protestieren gegen die Politik; die Wirtschaft ist am Boden, erst recht durch den erneuten Lockdown."

Ganz Thailand leidet. Der Tourismus, der sonst zwanzig Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmacht, liegt das zweite Jahr in Folge brach. Viele können kaum ihren Lebensunterhalt verdienen. Das berühmte Nachtleben Bangkoks ist tot, viele Clubs, die zögerlich wieder geöffnet hatten, wurden wegen neuer Covid-Ausbrüche geschlossen. Die Impfrate im Land liegt gerade mal bei fünf Prozent, allein gestern gab es 13.500 neue Corona-Fälle.

Bis zu 150 Euro für einen privaten Corona-Test

Korruption und Bereicherung am Leid anderer breiteten sich aus, sagen die Thailänder. Beispielsweise gibt es Covid-Tests, die es den Menschen ermöglichen, sich freier zu bewegen, zwar umsonst - aber die Schlangen dafür sind riesig lang. Private Tests kosten zwischen 50 und 150 Euro, unfassbare Summen für thailändische Normalverdiener. Ähnlich sieht es mit den Impfungen aus. Auch da hat die Regierung nicht genügend getan, um die Bevölkerung zu versorgen.

"Die zwei Hauptimpfstoffe hier sind Sinovac und AstraZeneca. Das eine stärkt Chinas Einfluss, und AstraZeneca wird von SiamBioscience hergestellt - dieses Unternehmen gehört zu hundert Prozent dem König Vajiralongkorn", sagt Panusaya Sithijiwarattanakul. Sie ist eine der Anführerinnen der Protestbewegung, die seit eineinhalb Jahren den Rücktritt des Premierministers fordert, eine neue Verfassung möchte und sogar - bis dahin undenkbar - den König kritisiert. So auch in dem Impfkonflikt um das Vakzin aus der royalen Fabrik.

"Zum einen gibt es da einen Interessenskonflikt. Und die Wirksamkeit beider Vakzine ist nicht hoch. Es gibt andere Vakzine, aber die Regierung hat sie nicht geordert", sagt Sithijiwarattanakul. Inzwischen gibt es einen weiteren chinesischen Impfstoff, Sinopharm, der in Privatkliniken verkauft wird.

Die SiamBioscience-Fabrik des Königs hängt in der Zwischenzeit ihren Produktionszielen um die Hälfte hinterher. Zwei Mitstreiter von Panusaya haben vor dem Unternehmen demonstriert und wurden wegen Majestätsbeleidigung festgenommen. Panusaya selbst muss sich ebenfalls deswegen und wegen zahlreicher anderer Vergehen verantworten; sie ist auf Kaution aus dem Gefängnis entlassen worden. Dort hat sie sich mit Corona infiziert.

"Im Gefängnis muss jeder ums Überleben kämpfen"

Denn in den überfüllten Haftanstalten hat das Virus freie Bahn, erzählt sie. Die Bedingungen dort lehrten sie viel über die menschliche Natur: "In einem thailändischen Gefängnis zu sein, enthüllt einem die dunkle Seite des menschlichen Daseins. Dort muss jeder ums Überleben kämpfen, für seine täglichen Verrichtungen kämpfen, immer schneller als die anderen sein. Sonst bekommst du nichts mehr vom Essen ab, kannst dich nicht waschen oder findest keinen Schlafplatz mehr. Menschen, die außerhalb des Gefängnisses freundlich und hilfsbereit waren, werden hier zu selbstsüchtigen Wesen."

Trotz der realen Aussicht, dass sie und andere dafür wieder im Gefängnis - an diesem unheilvollen Ort landen - gibt die Protestbewegung in Thailand nicht auf. Auch wenn die Regierung die strikten Corona-Maßnahmen nach Meinung vieler dafür nutzt, die Demonstranten zu bremsen. Doch der Unmut wächst gleichzeitig mit der Covid-Krise. Wie die Demonstration deutlich gezeigt hat.

"Die Regierung müsste besser planen und an das Wohl der Menschen denken", sagt Panusaya. "Aber das Problem ist, das kann sie nicht, denn sie ist aus einem Militärputsch hervorgegangen. Darum liegt ihr Hauptinteresse nicht bei den Menschen, sondern bei sich, bei ihrem persönlichen Nutzen und ihrem Machterhalt.“ Und so gibt es wohl noch lange keinen Ausweg aus der Krise in Thailand.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 29. März 2021 um 18:30 Uhr.