Heiko Maas und Benjamin Netanyahu | dpa

Maas in Israel "Sie können auf uns zählen"

Stand: 20.05.2021 19:36 Uhr

Außenminister Maas hat in Tel Aviv die Solidarität Deutschlands mit Israel bekundet. Die Angriffe auf das Land seien inakzeptabel. Die Zeichen für eine baldige Waffenruhe verdichten sich.

Von Kilian Neuwert, ARD-Studio Tel Aviv

Mit einem Lächeln auf den Lippen betritt Heiko Maas einen Konferenzraum. Streckt Benny Gantz die Hand hin. Der israelische Verteidigungsminister lächelt ebenfalls und schüttelt Maas die Hand. Ziemlich kräftig. Gantz überragt seinen deutschen Kollegen deutlich. Die Szene wirkt herzlich, fast als sähen sich zwei alte Kollegen zum ersten Mal seit Langem wieder. Das israelische Verteidigungsministerium verbreitete ein Video des Treffens.

Seine Position unterstrich Maas direkt nach der Landung in Tel Aviv. Die Botschaft: Deutschland steht solidarisch an der Seite Israels. "Wir haben in den vergangenen Tagen immer wieder - und wir werden es auch in Zukunft immer wieder tun - unterstrichen, dass Israel das Recht hat, sich gegen solche massiven, inakzeptablen Angriffe zu verteidigen", so der deutsche Außenminister. 

Netanyahu: "Sie waren ein großer Freund"

Am Nachmittag dann ein Treffen mit Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu. Netanyahu dankte Maas vor laufenden Kameras für Deutschlands Solidarität - auch im Namen des israelischen Volkes: "Vielen Dank. Sie waren ein großer Freund."

Maas entgegnete darauf: "Sie können auf mich zählen. Sie können auf uns zählen." Netanyahu besiegelte das mit einem Handschlag. Er denke, man könne sich die Hände schütteln - Covid sei unter Kontrolle. Die Hamas, die im Gazastreifen herrscht, verurteilte die Äußerungen von Maas als parteiisch.

Im Laufe des Termins bezichtigte Netanyahu den Iran, hinter den Angriffen militanter Palästinenser zu stecken. Als Waffenlieferant und Financier. Israel habe gar eine iranische Drohne abgeschossen. Sie sei aus syrischem Luftraum kommend ins Land gesteuert worden, sagte er. Netanyahu hielt etwas in die Höhe, was ein Teil davon sein soll. Ein recht ähnliches Bild ging schon einmal um die Welt: bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2018.

Forderung nach einer Feuerpause

Die Reise des deutschen Außenministers erfolgte zu einem Zeitpunkt, zu dem die Vermittlungsversuche anderer Länder zumindest keine ersichtlichen Ergebnisse gebracht haben. Seit Tagen setzen sich etwa die USA und Ägypten für einen Waffenstillstand ein. Beiden Ländern wird mehr Gewicht in der Region zugesprochen als Deutschland. Am Abend will der deutsche Außenminister noch Palästinenserpräsident Abbas im Westjordanland treffen.

Die Weltgesundheitsorganisation forderte unterdessen eine Feuerpause, um medizinische Hilfsgüter in den Gazastreifen zu bringen. Ein Hilfskonvoi stünde bereit. Zuletzt war der Übergang Kerem Shalom kurzzeitig für Lastwagen geöffnet worden. Er geriet dann aber wiederholt unter Beschuss militanter Palästinenser. Die Kampfhandlungen gingen heute weiter.

Hamas fordert Ende "aller Besatzungsmaßnahmen"

Aufnahmen aus dem Gazastreifen zeigen Staubwolken über dem Häusermeer als Geschosse einschlagen. Detonationen sind zu hören. Wie schon in den vergangenen beiden Tagen feuerten militante Palästinenser nach ein paar Stunden der Ruhe erneut Raketen auf Israel. Das israelische Militär griff Ziele im Gazastreifen an.

Fawzi Barhoum, ein Hamas-Sprecher, sagte einem Kamera-Team vor Ort:

Alle Besatzungsmaßnahmen gegen unser Volk in Scheich Dscharrah und Jerusalem müssen enden. Genau wie sämtliche Formen von Angriffen im Gazastreifen. Wir haben das Recht, in Frieden und Würde zu leben - genau wie alle anderen Völker der Region. Wir haben das Recht, uns gegen die Besatzung zu wehren. Das ist ein legitimes Anliegen gedeckt von internationalem Recht. Deshalb müssen die israelischen Besatzer unter Druck gesetzt werden, damit sie Angriffe jeglicher Form gegen unser Volk beenden.

Warten auf den ersten Schritt

Der Sprecher schilderte seine Version von Ereignissen, die als Auslöser für die aktuelle Eskalation gelten. Mit erheblicher Wahrscheinlichkeit dürfte die Hamas bei Verhandlungen ähnliche Forderungen stellen. Von Hamas-Offiziellen war zuletzt auch zu vernehmen, dass die Organisation eine baldige Waffenruhe nicht ausschließt. Allerdings, so hieß es, müsse Israel den ersten Schritt machen. 

Netanyahu forderte Medienberichten zufolge genau das gleiche von den militanten Palästinensern. Wann und ob internationale Vermittlungsversuche bei dieser Ausgangslage zum Erfolg führen, ist weiter offen. Unter Berufung auf ägyptische Sicherheitskreise meldeten internationale Nachrichtenagenturen erneut eine nahende Waffenruhe.

Erfolgversprechende Vermittlungen

Beobachtern zufolge dürfte einer der strittigsten Punkte sein, ob am Ende der Verhandlungen nur eine Waffenruhe oder ein längerfristiges Abkommen stehen soll. Eine Waffenruhe ohne umfassende Verpflichtungen könnte der israelischen Regierung in die Hände spielen, spekulierte der israelische Experte Yaron Schneider in einem TV-Interview: "Das würde der israelischen Regierung ermöglichen zu entscheiden, wie sie weitermachen wird - welche Lehren sie für die Politik in Bezug auf ein Normalisierungsabkommen für den Gazastreifen ziehen wird. Schließlich wird der Gazastreifen nach dieser Kriegsrunde massiven Wiederaufbau benötigen."

Spekulationen über Waffenstillstand

Israel ist offenbar bereit, die Angriffe auf Ziele im Gazastreifen einzustellen. Das berichtet der Nachrichtensender Al-Dschasira unter Verweis auf anonyme Quellen. Demnach hat die israelische Regierung einen ägyptischen Unterhändler von dieser Absicht unterrichtet. Weitere Details werden nicht genannt.

In Israel kommt am Abend das Sicherheitskabinett zusammen. Die Nachrichtenagentur AFP will aus Regierungskreisen erfahren haben, dass es über eine Waffenruhe beraten wird. Die Spekulationen über einen baldigen Waffenstillstand zwischen Israelis und militanten Palästinensergruppierungen erhalten damit neue Nahrung.

Neben Feuerpausen und den Äußerungen von Diplomaten werden als weiteres Anzeichen Berichte gewertet, wonach die US-Fluglinie Delta Airlines das Land wieder anfliegen will. Manchen Beobachtern gilt das als Hinweis auf erfolgversprechende Vermittlungen der USA. Denn im Zuge der Kampfhandlungen hatten viele Airlines ihre Flüge nach Tel Aviv eingestellt. Aus Sicherheitsgründen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 20. Mai 2021 um 20:00 Uhr.