Kämpfer der Taliban befragen an einem Kontrollpunkt in Kabul Autofahrer. | AP

Lage in Kabul Taliban lassen Afghanen nicht mehr zum Flughafen

Stand: 24.08.2021 17:35 Uhr

Die Taliban wollen die Evakuierungsmission am 31. August beendet sehen und halten die eigene Bevölkerung jetzt schon vom Zugang zum Flughafen ab. Die UN berichten über schwere Menschenrechtsverletzungen im Land - auch über Hinrichtungen.

Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid hat bei einer von BBC übertragenen Pressekonferenz angekündigt, Afghaninnen und Afghanen würden nicht mehr zum Flughafen gelassen. "Wir werden ihnen nicht erlauben, das Land zu verlassen."

Den USA warf Mudschahid vor, gut ausgebildete Afghaninnen und Afghanen zur Ausreise zu überreden. Er rief die Bevölkerung zum Bleiben auf. Das Land brauche gut ausgebildete Ärzte und Ingenieure für den Wiederaufbau, sagte er.

Weiterhin gegen Verlängerung der Rettungsmission

Er bekräftigte, dass der Evakuierungseinsatz internationaler Truppen am Flughafen von Kabul in den nächsten Tagen enden muss. Die vereinbarte Frist laufe am 31. August ab. "Wir wollen, dass alle Ausländer bis zum 31. August evakuiert werden." Eine Verlängerung verstoße gegen die Absprachen. Drohungen für den Fall, dass die USA oder andere Länder ihre Evakuierungen nicht bis Ende August abschließen sollten, sprach Mudschahid allerdings nicht aus. 

Die Taliban wollten außerdem die Menschenmenge am Flughafen reduzieren, hieß es weiter. Es seien zu viele Menschen dort, sie könnten ihr Leben verlieren. Die Menschen sollten in ihre Häuser zurückkehren und ihrem Alltag nachgehen.

Wie bereits vor einer Woche macht der Sprecher der radikal-islamischen Gruppe der Bevölkerung umfassende Sicherheitsversprechen. Internationale Organisationen könnten weiterarbeiten und auch Frauen dürften ihrer Arbeit nachgehen, wenn sich die Sicherheitslage entspannt habe. Niemand werde verfolgt und es gebe keine Liste, sagte Mudschahid.

Damit spielte er auf Berichte an, nach denen die Islamisten systematisch nach Gegnern und ihren Angehörigen suchen und sie bedrohen.

UN berichten über schwere Menschenrechtsverletzungen

Derzeit werden schwere Verletzungen von Menschenrechten aus dem Krisenstaat gemeldet. Darüber berichtete die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, bei einer Sondersitzung des UN-Menschenrechtsrats in Genf.

Nach diesen Berichten gab es etwa Massenhinrichtungen von Zivilisten und ehemaligen Angehörigen der afghanischen Sicherheitskräfte. Weiter sagte Bachelet, der Bewegungsspielraum von Frauen sei in manchen Regionen eingeschränkt worden, Mädchen dürften teils nicht mehr zur Schule gehen. Friedliche Proteste würden unterdrückt und Minderjährige zum Waffendienst geholt.

"Glaubhafte Berichte"

Die Berichte seien glaubhaft, betonte sie. "Es bestehen gravierende Risiken für Frauen, Journalisten und die neue Generation von Leitfiguren der Zivilgesellschaft, die in den vergangenen Jahren in Erscheinung traten", sagte Bachelet. "Afghanistans unterschiedliche ethnische und religiöse Minderheiten sind ebenfalls der Gefahr von Gewalt und Unterdrückung ausgesetzt, bedenkt man die schweren Menschenrechtsverletzungen unter den Taliban in der Vergangenheit und Berichte über Tötungen und gezielte Anschläge in den letzten Monaten."

Der UN-Menschenrechtsrat beschäftigt sich regelmäßig mit der Menschenrechtslage in aller Welt und beruft bei Bedarf Sondersitzungen ein. Er kann eine Resolution verabschieden oder Untersuchungskommissionen einrichten. Er besteht aus 47 Ländern, die von der UN-Generalversammlung für jeweils drei Jahre bestimmt werden. Darunter ist zurzeit auch Deutschland.

Human Rights Watch: Hinrichtungen in Provinzen

Der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) liegen nach eigenen Angaben Berichte über "standrechtliche Hinrichtungen" durch die Taliban vor. Bei den mutmaßlichen Opfern handele es sich um frühere afghanische Regierungsmitarbeiter und Sicherheitskräfte, sagte die Vizedirektorin für HRW in Asien, Patricia Gossman. Viele dieser Vorfälle fänden den Erkenntnissen zufolge außerhalb der Hauptstadt Kabul in den afghanischen Provinzen statt. Die Taliban hatten nach ihrer Machtübernahme eigentlich eine generelle Amnestie zugesagt.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 24. August 2021 um 14:00 Uhr.