US-Außenminister Antony Blinken | dpa

Afghanistan Blinken verurteilt Gräueltaten der Taliban

Stand: 03.08.2021 09:14 Uhr

Stück für Stück rücken die Taliban weiter in Afghanistan vor und töten dabei zahlreiche Zivilisten. US-Außenminister Blinken macht den Islamisten schwere Vorwürfe und verspricht, Tausende weitere Afghanen aufnehmen.

Die USA üben scharfe Kritik an den radikalislamischen Taliban in Afghanistan. Die Berichte über Gräueltaten der Taliban seien "zutiefst verstörend und vollkommen inakzeptabel", sagte US-Außenminister Antony Blinken. Sein Ministerium teilte mit, die Taliban seien für die meisten der "grauenhaften Gewalttaten" im Land verantwortlich. Sie würden kaum Rücksicht auf menschliches Leben oder die Rechte des afghanischen Volkes nehmen.

US-Botschaft wirft Taliban Massaker an Zivilisten vor

Die US-Botschaft in Kabul warf den Taliban in einem Tweet vor, Dutzende Zivilisten im Gebiet von Spin Boldak in der Provinz Kandahar getötet zu haben. Diese Morde könnten Kriegsverbrechen darstellen, daher müssten die verantwortlichen Taliban-Kämpfer oder Taliban-Kommandeure zur Rechenschaft gezogen werden.

Einem Bericht der afghanischen Menschenrechtskommission zufolge rächten sich Taliban in Spin Boldak nach ihrer Machtübernahme an Regierungsbeamten sowie Anwohnern, die während einer versuchten Rückeroberung des Bezirks die Sicherheitskräfte begrüßt hatten. Die Kommission habe 40 Personen identifiziert, die seit dem 16. Juli in dem Bezirk von Taliban getötet worden seien.

Die Taliban weisen die Vorwürfe kategorisch als Propaganda zurück. Den Islamisten zufolge wurden zwei Menschen in Spin Boldak in einer persönlichen Fehde getötet. Man bemühe sich, die Täter festzunehmen und den Fall zu untersuchen.

UN rufen zum Schutz von Zivilisten auf

Die Vereinten Nationen riefen die Kriegsparteien dazu auf, Zivilisten besser zu schützen. Die Bodenoffensive der militant-islamistischen Taliban und Luftangriffe der afghanischen Luftwaffe verursachten momentan den größten Schaden, teilte die UN-Mission in Afghanistan (UNAMA) auf Twitter mit. Sollten die Parteien nicht mehr für den Zivilschutz tun, drohten "katastrophale" Auswirkungen.

In der Vergangenheit waren allen Kriegsparteien immer wieder Kriegsverbrechen vorgeworfen worden. Zuletzt hatte die Anzahl getöteter Zivilisten UN-Angaben zufolge Rekordwerte erreicht.

USA wollen weitere Afghanen aufnehmen

Angesichts der zunehmenden Gewalt kündigte das US-Außenministerium an, Tausende weitere Afghanen aufzunehmen, die während des dortigen Militäreinsatzes für die USA oder Einrichtungen mit US-Bezug gearbeitet haben.

Dies solle etwa für Afghanen gelten, die für die Vereinigten Staaten tätig gewesen seien, aber nicht die Mindestbeschäftigungsdauer erreicht hätten, um ein spezielles Einwanderungsvisum zu beantragen. Vorgesehen ist die Regelung auch für Afghanen, die für von der US-Regierung unterstützte Programme gearbeitet haben - und für Afghanen, die in dem Krisenland für Nichtregierungsorganisationen oder Medien aus den USA im Einsatz waren.

Die Regelung werde es "vielen Tausend" Afghanen sowie deren Partnern und Kindern ermöglichen, in die USA umzusiedeln, hieß es. "Sie waren für uns da. Wir werden für sie da sein", sagte Blinken. Für Kritik sorgte dabei, dass Afghanen für dieses Programm zunächst aus eigener Kraft das Land verlassen und für zwölf Monate oder mehr in einem Drittstaat unterkommen müssen, während ein solcher Antrag auf Umsiedlung bearbeitet wird.

Tausende Menschen in Gefahr

Afghanen, die für die Amerikaner gearbeitet haben, droht nach dem Abzug der US-Truppen die Rache der Taliban. So wurde etwa am Montag in der Stadt Dschalalabad im Osten des Landes ein ehemaliger Übersetzer des US-Militärs getötet. Der Mann sei vor seinem Haus von zwei Unbekannten erschossen worden, teilten lokale Behördenvertreter mit.

Zahlreiche Afghanen, die zum Beispiel als Dolmetscher beim US-Militär angestellt waren, können daher spezielle Einwanderungsvisa für die USA beantragen, um dort ein neues Leben beginnen zu können. Insgesamt waren laut US-Regierung etwa 2500 Personen für die Aufnahme in die USA mit solchen Spezialvisa vorgesehen. Kritiker hatten jedoch gemahnt, ein solches Visum helfe nur einem kleinen Kreis an Personen. Weit mehr Afghanen hätten sich durch eine Zusammenarbeit mit US-Stellen in Gefahr gebracht und bräuchten Hilfe. Das Außenministerium weitete die Optionen daraufhin aus.

Provinzhauptstadt im Süden vor Fall an Taliban

Bis Ende August wollen die USA ihren Militäreinsatz in Afghanistan vollständig beenden. Danach sollen nur noch US-Soldaten zum Schutz der Botschaft in Afghanistan bleiben. Mit der Abzugsentscheidung der Amerikaner endet auch der Einsatz der NATO insgesamt. Die Bundeswehr hat ihr Mandat im Norden des Landes bereits am 30. Juni beendet und alle Soldaten zurückgeholt.

Seit dem Beginn des Truppenabzugs Anfang Mai verschlechterte sich die Sicherheitslage deutlich. Die Taliban eroberten weite Teile des Landes. Sie beherrschen mittlerweile etwas mehr als die Hälfte der Bezirke und bedrohen mehrere Provinzhauptstädte. Zuletzt drangen die Taliban bei ihrer Offensive in der afghanischen Provinz Helmand tief in die Provinzhauptstadt Laschkargah vor. Nach tagelangen heftigen Kämpfen kontrollierten sie nun mindestens acht der zehn Polizeibezirke der Stadt, sagten lokale Behördenvertreter und Einwohner der Nachrichtenagentur dpa.

Am Montag dauerten heftige Gefechte im Zentrum an. Sollte die Stadt mit geschätzt 200.000 Einwohnern im Süden des Landes fallen, wäre es die erste Provinzhauptstadt seit 2016, die die Taliban erobern können. Damals konnten sie kurzzeitig Kundus im Norden des Landes einnehmen. Die afghanische Regierung halte in Laschkargah nur noch vereinzelte Einrichtungen wie den Gouverneurssitz, das Gefängnis, oder eine Militärbasis, sagte ein Provinzrat. Einem Krankenhaus zufolge wurden in der Stadt binnen vier Tagen 14 Tote und 64 Verletzte eingeliefert.

Laschkargah drohte in den vergangenen Jahren bereits öfter an die Taliban zu fallen. Allerdings konnten die USA mit Luftangriffen und dem Einsatz von Spezialkräften dies verhindern. Laut afghanischem Verteidigungsministerium flogen die USA auch in der Nacht zu Montag Luftangriffe gegen Taliban-Stellungen in der Stadt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. August 2021 um 23:36 Uhr.