Am Erinnerungsort zum Attentat bei den Olympischen Spielen 1972 stehen junge Frauen neben einem Kranz des bayerischen Ministerpräsidenten.  | picture alliance/dpa/dpa-Pool

Jahrestag des Olympia-Attentats Angehörige erwarten Steinmeier in Israel

Stand: 20.08.2022 01:00 Uhr

Die Angehörigen der Opfer des Olympia-Attentats 1972 fordern mehr Entschädigung. Laut einer Vertreterin will sich Bundespräsident Steinmeier in Israel mit ihnen treffen. Die Hinterbliebenen zweifeln am Zweck des Besuchs.

Von Tim Aßmann, ARD-Studio Tel Aviv

Reist Frank-Walter Steinmeier in wenigen Tagen für einen Kurzbesuch nach Israel? Offiziell bestätigt, ist das bisher nicht. Israelische Medien berichteten als erste über eine mögliche Reise des Bundespräsidenten. Er wolle sich in Israel mit den Angehörigen der Opfer des Anschlags auf die israelische Mannschaft bei den Olympischen Spielen 1972 treffen.

Tim Aßmann ARD-Studio Tel Aviv

Ankie Spitzer, Witwe einer der in München ermordeten Athleten, bestätigte die Reisepläne Steinmeiers nun im Interview mit dem israelischen Armeeradio. Die Initiative gehe vom deutschen Staatsoberhaupt aus, sagte Spitzer.

"Wir haben ihn nicht eingeladen. Aber er schlug vor, für einen Tag nach Israel zu kommen, die Familien zu treffen und mit ihnen einen Kranz an der Gedenkstätte in Tel Aviv niederzulegen. Wir wissen nicht, was wir davon halten sollen. Kommt er, um sein Gewissen zu reinigen?"

Die Geiselnahme durch palästinensische Terroristen am 5. September 1972 im olympischen Dorf in München endete in einem gescheiterten Befreiungsversuch unvorbereiteter und überforderter deutscher Sicherheitsbehörden am Flughafen Fürstenfeldbruck. Es war ein blutiges Fiasko. Insgesamt wurden elf israelische Sportler ermordet. Auch ein deutscher Polizist kam ums Leben.

Angehörige lehnten Angebot ab

Die Opferangehörigen fühlen sich bisher von der deutschen Seite nicht ausreichend entschädigt und wollen deshalb mehrheitlich nicht an der Gedenkveranstaltung zum fünfzigsten Jahrestag des Anschlags teilnehmen. Ein von der Bundesregierung vorgelegtes Entschädigungsangebot bezeichneten sie als Trinkgeld und lehnten es ab.

Man respektiere den Bundespräsidenten, sagte Spitzer, die auch eine der Sprecherinnen der Opferangehörigen ist, ebenfalls im israelischen Armeeradio. Steinmeier habe versucht, im Entschädigungsstreit zu vermitteln. Im Vorfeld eines möglichen baldigen Besuchs sei ihr aber von offizieller Seite gesagt worden, der Bundespräsident komme nicht, um einen neuen Vorschlag vorzulegen.

"Wollen die finanzielle Frage klären"

"Also fragte ich: Wozu kommt er dann? Sie sagten, der Präsident wolle uns zeigen, dass die Gespräche und der Kontakt zu uns nicht nach dem 5. September enden werden", so Spitzer. Man könne auch telefonisch in Kontakt bleiben.

"Wir wollen die finanzielle Frage klären. Es ist ja nicht so, dass wir irgendwelche Wahnsinnssummen fordern. Wir fordern lediglich, dass uns endlich eine Entschädigung gezahlt wird. Was wir bisher erhielten, entsprach lediglich einer humanitären Geste", so Spitzer weiter.

Bereits 1972 und noch einmal 2002 wurden von deutscher Seite Unterstützungszahlungen geleistet - insgesamt rund 4,5 Millionen Euro. Dem Vernehmen nach bot die Bundesregierung im aktuellen Streit eine Aufstockung auf rund zehn Millionen Euro an - aus Sicht der Opferangehörigen zu wenig.

Spitzer berichtete nun von den bisherigen Gesprächen: "Ich fragte, ob das Geld für Deutschland ein Problem darstellen würde. Sie antworteten: 'Nein, aber wir müssen es in einen juristischen Rahmen einbinden.' Sie fürchten Präzedenzfälle und dass andere Menschen mit Klagen folgen könnten."

Historiker sieht Forderung kritisch

Mit Blick auf das Gedenken und die Erinnerung an den Anschlag sieht der israelische Historiker Moshe Zimmermann die Entschädigungsforderungen der Opferangehörigen kritisch. "In dem Moment, in dem die Erinnerung mit einer materiellen Entschädigung nicht für das Land, sondern für bestimmte Personen verquickt wird, ist das meines Erachtens eher ein Schwachpunkt, wenn man sich um die Erinnerungskultur kümmert."

Die Fronten im Entschädigungsstreit wirken verhärtet. Ob vor der geplanten Gedenkveranstaltung in München noch eine Einigung gelingt, ist nicht sicher.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. Juli 2022 um 14:00 Uhr.