Hubschrauber der russischen Armee fliegen im August 2021 während einer gemeinsamen Übung mit Usbekistan und Tadschikistan über ein Areal nahe der tadschikisch-afghanischen Grenze | AP

Russland, Zentralasien und Afghanistan "Wir haben unsere Lektion gelernt"

Stand: 31.08.2021 11:07 Uhr

Der Machtwechsel in Kabul hat in Zentralasien zu neuer Instabilität geführt. Russland und die Nachbarstaaten befürchten einsickernde Islamisten und steigende Flüchtlingszahlen. Sich in Afghanistan einzumischen, kommt für Moskau nicht infrage

Von Stephan Laack, ARD-Studio Moskau, zurzeit Köln

Nach dem Abzug der Amerikaner und anderer westlicher Streitkräfte aus Afghanistan stellt die veränderte Situation Russland und die zentralasiatischen Nachbarstaaten vor neue Herausforderungen. Eine Einmischung, gar militärisches Engagement kommt für Moskau indes nicht infrage - das machte Präsident Putin kürzlich bei einer Rede vor Delegierten der Regierungspartei "Geeintes Russland" klar. "Natürlich" werde sich Russland weder in die inneren Angelegenheiten Afghanistans einmischen noch seine Streitkräfte in einen Konflikt schicken, bei dem "alle gegen alle" seien, sagte der Präsident. Denn: "Die UdSSR hat ihre eigenen Erfahrungen mit diesem Land gemacht und wir haben unsere Lektion gelernt."

Stephan Laack

In der Frage der Flüchtlinge aus Afghanistan ist Putin genau so deutlich. In den zentralasiatischen Nachbarländern dürften keine Flüchtlingslager errichtet werden, in denen dauerhaft Zehntausende Afghanen untergebracht würden: "Unsere, sagen wir, westlichen Partner werfen ständig die Frage auf, Flüchtlinge in zentralasiatischen Ländern unterzubringen, bevor sie Visa für die Vereinigten Staaten oder andere Länder erhalten. Sie sollen also ohne Visum in diese Länder geschickt werden, zu unseren Nachbarn, aber sie wollen sie nicht ohne Visum bei sich aufnehmen?", fragte Putin rhetorisch. Zu groß sei die Gefahr, dass militante Islamisten - als Flüchtlinge getarnt - über die grüne Grenze nach Russland einsickerten.

Mehr Militär an die Grenzen

Stattdessen verstärkt Moskau die militärische Präsenz in der Region. Schon vor Wochen erklärten russische Militärs wie Kommandant Jewgenij Poplawskij, hinter den Übungen, die auf den Territorien Usbekistans, Tadschikistans und Russlands durchgeführt wurden, stecke "ein Ziel und eine Idee, unsere Einheiten darauf vorzubereiten, externe Aggressionen von Terrorgruppen abzuwehren, die sich jetzt in den Nachbarstaaten befinden".

Russland führt momentan in Tadschikistan Manöver durch. Weitere Militärübungen sind Mitte September in Kirgistan geplant - dort gibt es einen russischen Luftwaffenstützpunkt. Nach der Machtübernahme der Taliban haben die zentralasiatischen Ex-Sowjetrepubliken deutlich mehr Waffen, Hubschrauber und Grenzschutzsysteme in Russland bestellt.

Usbekistan schottet sich ab

Auf strikte Abschottung und Schließung der Grenzen setzt Usbekistan, trotz der in Aussicht gestellten Hilfe beim Transit von Schutzsuchenden, die auf der Ausreiseliste des Auswärtigen Amtes stehen. Das usbekische Außenministerium machte kurz nach dem Besuch von Bundesaußenminister Heiko Maas in einer Mitteilung klar, dass man ansonsten keinerlei Flüchtlinge ins Land ließe.

Beim Nachbarn Tadschikistan beobachtet man die Situation in Afghanistan ebenfalls mit Sorge, stellt sich dort allerdings darauf ein, notfalls einige Zehntausend Flüchtlinge aufzunehmen, was auch der eigenen Geschichte geschuldet sei, so der tadschikische Politologe Abdugani Mamadazimow. Während des blutigen Bürgerkriegs in Tadschikistan in den 1990er-Jahren habe Afghanistan 300.000 Flüchtlinge aufgenommen: "Sie haben uns aufgenommen, geholfen und ihr letztes Stück Brot gegeben. Dies muss auch immer bedacht werden."

Auf eine Stabilisierung der Lage in Afghanistan drängt Russland. Es müsse eine internationale Konferenz zum Wiederaufbau der Wirtschaft geben, so Samir Kabulow, der Afghanistan-Beauftragte des russischen Präsidenten. Vor allem ginge es darum zu verhindern, dass noch mehr Flüchtlinge auch aus wirtschaftlichen Gründen das Land verließen. Die Länder, die Soldaten in Afghanistan gehabt hätten, seien jetzt besonders in der Pflicht.

 

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 31. August 2021 um 10:00 Uhr und 11:00 Uhr.