Ein Display in St. Petersburg (Russland) zeigt den Buchstaben "Z" und deklamiert: "Wir lassen die Unsrigen nicht im Stich" | EPA

Stimmung in Russland Z und Zeitenwende

Stand: 18.03.2022 10:50 Uhr

Der Krieg in der Ukraine - zumindest in diesem Punkt sind sich alle einig - ist eine Zeitenwende. Entsprechend groß ist die Verunsicherung - auch in Russland. Ein Land zwischen Patriotismus und Zukunftsängsten.

"Das Volk und die Armee sind eins", skandieren sie in Nowosibirsk. Mit ihren Privatwagen haben sie ein großes Z gebildet. Darunter haben sie eine riesige russische Flagge entrollt.

Das Z, das inzwischen auf Autos, T-Shirts und Häusern prangt, steht für "za" und bedeutet übersetzt: für. Wer es zeigt, signalisiert, dass er hinter der Linie des Kreml steht. Dass er für Russland ist, für den Einsatz in der Ukraine und für den Sieg.

"Sehen Sie denn den Faschismus nicht? Hat denn wirklich keiner all die Jahre gesehen, dass sich der Faschismus breit macht? In der Ukraine!", sagt eine Frau in Moskau kopfschüttelnd. Natürlich unterstütze sie Wladimir Putin und seinen Kampf gegen die Nazi-Regierung in Kiew. Viel zu lange habe man dem Genozid im Osten der Ukraine zugesehen.

Staatliche Medien untermauern Kreml-Line

Es sind Sätze, die so oder ähnlich täglich aus den Moskauer Schaltstellen der Macht zu hören sind. Die staatlichen Medien untermauern die Kreml-Linie mit grausamen Kriegsbildern und Reportagen, die den Aufstieg der ukrainischen Faschisten an die Macht belegen sollen, umrahmt von offiziellen Aufrufen, Flagge zu zeigen.

Eine Patriotismus-Welle wie zu Zeiten der Krim-Annexion aber ist in der russischen Hauptstadt, die leerer wirkt als üblich, nicht zu spüren. Viele machen sich Sorgen über das, was noch kommen könnte. Kaufen Vorräte - weil die Preise immer weiter steigen. Offen reden mag kaum noch jemand.

Verunsicherte Gesellschaft

Die Gesellschaft, sagt der Politologe Abbas Galjamow, stehe noch immer unter Schock. Die Stimmung sei nur schwer zu greifen:       

Die Leute wissen, dass etwas Globales passiert ist, etwas Unwiderrufliches. Aber die Mehrheit ist noch nicht sicher, wer schuld ist und wie es dazu kommen konnte. Das heißt, sie solidarisieren sich aus Vorsicht erst einmal mit der politischen Führung.
An einer Bushaltestelle in St. Petersburg ist der symbolträchtige Buchstabe "Z" zu sehen. | REUTERS

Immer häufiger ist der symbolträchtige Buchstabe "Z" im Straßenbild russischer Städte anzutreffen - wie hier an einer Bushaltestelle in St. Petersburg. Bild: REUTERS

Viele warten ab

Rund 40 Prozent der Bevölkerung, so schätzt er, seien unentschieden, würden abwarten. Ein Drittel unterstütze den aktuellen Kurs des russischen Präsidenten. Ein anderes Drittel lehne das Vorgehen in der Ukraine klar ab. Darunter, so Galjamow, auch Oligarchen, Künstler und Leute, die dem Kreml eigentlich nahe stünden.

Die Antikriegsstimmung ist stark im Establishment, aber auch in der Gesellschaft - was sich indirekt an dem plötzlich wieder aufgeflammten Protest ablesen lässt.

Überraschender Protest

Dass trotz des massiven Vorgehens der Sicherheitskräfte in vielen Städten nicht genehmigte Anti-Kriegs-Demonstrationen stattgefunden hätten, sei überraschend gewesen, meint der Politologe.

Dass diese Proteste durch die langsam spürbarer werdenden Folgen der Sanktionen größer werden könnten, bezweifelt er. Die Unzufriedenheit aber werde vermutlich wachsen, was 2024 im Jahr der Präsidentschaftswahl zu einem Problem werden könnte.

Das wird dazu führen, dass die Menschen unbewusst nach Alternativen suchen, also nach einer besseren Zukunft. Denn eine glänzende Zukunft lässt sich mit dem aktuellen Kurs nicht in Einklang bringen.

Peskow spricht von "Verrätern"

Die Zahl der Ausreisen hat bereits zugenommen. In schwierigen Zeiten, kommentierte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow, zeigten die Menschen halt ihr wahres Gesicht: "Viele erweisen sich, um es auf Russisch zu sagen, als Verräter. Es ist eine Art Säuberung."

Und die, hatte Russlands Präsident Putin bereits wissen lassen, mache das Land nur stärker.

Über dieses Thema berichtete der WDR in der Aktuellen Stunde am 08. März 2022 um 18:45 Uhr.