Passanten gehen in Moskau (Russland) an einer russischen Flagge vorbei. | AFP

Konflikt mit NATO Auch in Russland wachsen die Sorgen

Stand: 26.01.2022 03:56 Uhr

Meinungsumfragen zeigen: Die Mehrheit der russischen Bevölkerung macht die NATO für die Ukraine-Krise verantwortlich. Und doch wachsen die Sorgen vor einer kriegerischen Auseinandersetzung.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Es ist eine Schlagzeile in der "Nesavissimaja Gazeta", die die russische Perspektive recht gut auf den Punkt bringt: "Die NATO antwortet auf Moskaus Vorschläge, indem sie Truppen in den Osten verlegt." Moskaus Vorschläge - das meint jenen Forderungskatalog, den der Kreml den Amerikanern und der NATO vorgelegt hat, mit Bitte um schriftliche Rückmeldung.

Christina Nagel ARD-Studio Moskau

Wurde das diplomatische Ringen um Russlands Forderungen nach Sicherheitsgarantien nach einem Ende der NATO-Osterweiterung von vielen noch als Thema für Experten, als etwas Abstraktes zur Kenntnis genommen, verändert sich dies nun.

Dass die NATO Truppen verlegt, die Ukraine täglich Waffen geliefert bekommt und Briten und Amerikaner Botschaftspersonal abziehen, schürt auch in Russland die Sorge, dass es zu einer militärischen Auseinandersetzung kommen könnte.

Stimmen aus der Bevölkerung

Eine beängstigende Vorstellung, meint die 39-jährige Buchhalterin Natalja - im Krieg litten doch immer "die einfachen Leute - Kinder, Familien, alte Menschen". Es folge daraus doch nichts Gutes.

Und trotzdem gebe es immer jemanden, der Konflikte anzettele, meint die 29-jährige Universitätsmitarbeiterin Gelja, und das sei in diesem Fall "eindeutig nicht Russland". Ausrüstung, Waffen, die in die Ukraine gebracht werden, Militärstützpunkte - all dies tauche "scheinbar 'zufällig' rund um Russland auf", sagt sie. Ihre Schlussfolgerung: "Russland muss sich natürlich verteidigen."

Die Mehrheit macht die NATO verantwortlich

Eine Auffassung, mit der Gelja nicht allein dasteht. Einer aktuellen Umfrage zufolge sind nur vier Prozent der Befragten davon überzeugt, dass Russland an einem möglichen Konflikt schuld wäre, sagt die Soziologin Marija Matskewitsch im Sender "Echo Moskwy". Vielmehr stehe an erster Stelle die NATO - und zwar mit großem Abstand.

Die Hälfte der Befragten sei dieser Meinung. Es folge die Ukraine, danach die USA. "Sie provozieren uns, sie tun alles, um neue Sanktionen zu rechtfertigen, um uns schlechter dastehen zu lassen", so beschreibt Matskewitsch die Mehrheitsmeinung.

Was in den Nachrichten nur kurz kommt

Darüber, dass Russland seine Truppen entlang der ukrainischen Grenze bereits vor Wochen massiv verstärkt und Technik zusammengezogen hat, wurde in den staatsnahen russischen Medien selten berichtet. Wenn, dann war und ist von konkreten Manövern die Rede.

Und davon, dass man auf Provokationen im Donbass vorbereitet sein müsse. Die ukrainische Armee bereite eine Invasion vor, berichtet unter anderem der staatsnahe russische Sender Rossija 24 mit Verweis auf die selbsternannte Volksrepublik Donezk. Sabotageakte werden erwartet, die man versuchen werde, Russland in die Schuhe zu schieben - davon ist eine Mehrheit in aktuellen Umfragen überzeugt. Um dann neue Sanktionen zu verhängen.

Doch die Ukraine-Krise schlägt sich auch schon jetzt in Handel und Wirtschaft nieder. Der Rubel schwächelt. Die Notenbank hat ihre strategischen Devisenkäufe vorerst ausgesetzt.

 

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 24. Januar 2022 um 11:00 Uhr.