Jelena Zhemkova | picture alliance/dpa/TASS

Memorial-Aktivistin Zhemkova Der Drang nach Aufklärung

Stand: 25.11.2021 05:07 Uhr

Die russische Menschenrechtsorganisation Memorial muss sich offiziell als ausländischer Agent bezeichnen - ein Brandmal auch für die Mitarbeiter. Was treibt sie an?

Von Natalie Sablowski für tagesschau.de

Jelena Zhemkova ist eigentlich Mathematikerin. Trotz erfolgreicher Karriere in der Wissenschaft entschied sich die damals 26-Jährige 1987, ihr Leben der Sache Memorials zu widmen, wie sie sagt. Zu der Zeit trafen sich im Moskauer Club "Perestroika" viele Menschen und diskutierten Themen wie Politik, Recht oder Geschichte, es war eine Zeit des gesellschaftlichen Aufbruchs und Erwachens. Aus diesem Kreis bildete sich die damalige Gründungsinitiative von Memorial.

"Es ging das Gerücht um, Millionen seien im GULag-System der UdSSR ermordet worden. War das überhaupt möglich? Als erwachsene Frau fragte ich mich, warum ich von all dem nichts wusste." Damals, sagt Zhemkova, sei es gewesen, als öffne sich eine neue Welt für sie - "das Land, das wir dachten zu kennen, erschien uns plötzlich fremd".

Eine gewaltige Menge an neuen Informationen sei während der Zeit der Perestroika auf sie eingeströmt. "Plötzlich lasen wir Solschenizyns 'Archipel Gulag' oder Grossmanns 'Alles fließt' und fragten uns, wieso wir von all dem nichts gewusst haben."

Verleihung des Alternativen Nobelpreises 2004 | picture-alliance/ dpa/dpaweb

2004 wurde Memorial - zusammen mit anderen Organisationen und Aktivisten - mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Jelena Zhemkova nahm den Preis für die Organisation entgegen. Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Gefragtes Organisationstalent

Die Wissenschaft tauscht sie damals gegen eine Tätigkeit als Administratorin bei Memorial ein. Sicher habe sie vorher nicht von einer solchen Tätigkeit geträumt, räumt sie rückblickend ein. "Aber der Drang, etwas für die Aufklärung zu tun, war gewaltig." Sie sei die einzige in der Gründungsgruppe gewesen, die mit Zahlen umgehen und organisieren konnte.

Heute ist Zhemkova Geschäftsführerin von Memorial. Sie sagt, sie habe großes Glück gehabt, ihr Leben der Aufklärung widmen zu dürfen. Umso größer sei der Schock gewesen, als am 11. November ein Brief des Obersten Gerichts sie darüber informierte, dass die Generalstaatsanwaltschaft die Schließung Memorials fordert.

Zu dem Zeitpunkt, sagt Zhemkova, sei sie dabei gewesen, die Übergabe ihrer Tätigkeit in die Hände der nächsten Generation zu organisieren. Es sei schrecklich, wenn nach 33 Jahren alles zerstört werden könnte, was man aufgebaut habe und man sich statt um die Übergabe darum kümmern müsse, vielleicht alles wieder neu aufzubauen.

Die erdrückende Last der Bürokratie

Schon vor dem Brief habe das "Agenten-Gesetz", das es den Behörden ermöglicht, unabhängige Organisationen als ausländische Agenten zu brandmarken, zu einer "fast untragbaren Belastung" ihrer Arbeit geführt: "Wir sind verpflichtet, bis ins kleinste Details finanzielle Ein- und Ausgaben offenzulegen. Das stellt uns vor einen ungeheuren bürokratischen Aufwand."

Zudem müsse die Organisation sich selbst als ausländischer Agent markieren. "Die Putin-Regierung vergiftet mit all diesen Gesetzen die Atmosphäre um uns herum", beklagt sich Zhemkova. Und die gesellschaftliche Stimmung sei für ihre Arbeit nun einmal wichtig.

Es bleibt zu viel zu tun

Ungeachtet des drohenden Verbots macht sie einen ruhigen und gefassten Eindruck. Zu viel ist noch für Memorial zu tun. Denn die Zeit drängt - die Zeitzeugen sterben aus, und das bereitet Zhemkova besondere Sorgen. "Als wir unsere Arbeit begannen, hatten wir Tausende lebende Zeugen um uns herum. Zwar waren die Archive verschlossen und uns fehlten Dokumente, aber dafür hatten wir die Zeitzeugen als lebende Quellen. "

Die Arbeit mit ihnen beruhe auf einer starken Vertrauensbasis. "Diese Menschen haben traumatische Erlebnisse mit uns geteilt. Das waren schwere Interviews. Danach holen dich schreckliche Gedanken ein. Damit duften wir sie nicht alleine lassen."

Deshalb sei für sie wichtig, erklärt Zhemkova, zu den Zeitzeugen einen konstanten Kontakt zu halten, sei es durch Briefe, Veranstaltungen oder einen einfachen Anruf. Meist hielt die Verbindung über viele Jahre bis zum Lebensende. Inzwischen seien die meisten Zeitzeugen gestorben - für ihre Arbeit sei das die größte Herausforderung.

Verstörende Beliebtheit Stalins

Jetzt gehe es darum, die Beweise über die Verbrechen der Stalin-Zeit und das gesammelte Material aufzubewahren. Noch wichtiger sei, sagt Zhemkova, die Menschen aufzuklären. Denn viele Russen und Russinen sehen Stalin immer noch positiv. Im Jahr 2019 habe eine Untersuchung des unabhängigen Meinungsforschungszentrums "Lewada-Zentrum" gezeigt, dass 51 Prozent der Russen und Russinnen Stalin verehrten. Das mache die Aufklärungsarbeit über seine Verbrechen zu einer so heiklen wie unverzichtbaren Aufgabe. Das gilt ebenso für heutige Verbrechen. Memorial kümmert sich mittlerweile auch um politische Gefangene, die Rechte von LGBTQ-Personen sowie Migranten und Migratinnen.

Die drohende Schließung Memorials werde sie deshalb nicht daran hindern, weiterzumachen, bekräftigt Zhemkova. Stalins zunehmende Beliebtheit, sagt sie, sei staatlich gewollt. "Hier müssen wir mit unserer Arbeit dagegen halten, die Leute aufklären, ihnen erklären, was passiert ist, warum es passierte - und weshalb es wichtig ist, dass sich dieses dunkle Kapitel unserer Geschichte nicht wiederholt."

Über dieses Thema berichtete BR24 im Hörfunk am 25. November 2021 um 08:10 Uhr.