Russlands Verteidigungsminister Schoigu im Februar 2022 vor einem Kampfflieger mit einer Kinschal-Rakete auf einem Stützpunkt in Syrien | AP
Interview

Russlands Kinschal-Rakete "Raketentechnik aus den 1980er-Jahren"

Stand: 21.03.2022 18:04 Uhr

Die russische Armee behauptet, eine Hyperschall-Rakete gegen Ziele in der Ukraine eingesetzt zu haben. Der Rüstungsexperte Sauer hält das für glaubwürdig, sagt aber auch: Die Kinschal-Rakete ist "keine Wunderwaffe".

tagesschau.de: Was wissen Sie über den Einsatz der Kinschal-Rakete?

Frank Sauer: Am Wochenende hat Russland verlautbart, dass eine dieser Raketen eingesetzt wurde, später war von zwei Raketen die Rede. CNN meldete zwischendurch, dass US-Offizielle das bestätigt hätten. Der US-Verteidigungsminister Lloyd Austin sagte im US-Fernsehen am Sonntag dann allerdings, er könne es weder bestätigen noch bestreiten. Die Ukrainer bestätigen die Meldung. Aber eine belastbare Bestätigung von unabhängiger dritter Seite gibt es nicht. Das Bildmaterial, das Russland als Beleg für den Angriff geliefert hat, zeigt außerdem etwas anderes: Man sieht dort einen Bauernhof im Osten der Ukraine, und das Video ist eine gut Woche alt. Das macht die abschließende Beurteilung zusätzlich kompliziert. Ich neige aktuell dennoch dazu, anzunehmen, dass dieser Angriff tatsächlich stattgefunden hat.

Dr. Frank Sauer | Waldemar Salesski
Zur Person

Dr. Frank Sauer ist Senior Research Fellow an der Universität der Bundeswehr München.

tagesschau.de: Weshalb?

Sauer: Man wusste lange von der Existenz dieser Waffe, wusste von ihrer Funktionsfähigkeit. Russland hat allen Grund, keine leere Behauptung aufzustellen. Alles andere wäre für den ohnehin schon angeschlagenen Ruf des russischen Militärs katastrophal. Die USA haben den Einsatz zunächst bestätigt, sind dann zwar davon abgerückt - aber ohne zu sagen, dass es den Einsatz der Rakete nicht gegeben habe. Ich finde insofern aktuell keine triftigen Gründe, anzunehmen, dass es nicht stattgefunden hat.

"Grundsätzliche Idee ist alt"

tagesschau.de: Was zeichnet eine Hyperschallrakete aus?

Sauer: Der Begriff Hyperschallrakete ist in dem Fall zwar korrekt, aber trotzdem irreführend. Hyperschall ist alles, was schneller ist als Mach 5, also die fünffache Schallgeschwindigkeit, und daran ist nichts Neues. So gut wie jede ballistische Rakete ist irgendwann auf ihrer Flugbahn hyperschallschnell.

Die grundsätzliche Idee, aero-ballistische Raketen zu verschießen, also von Flugzeugen abgeschossene Raketen, die keine Marschflugkörper sind und einer ballistischen Flugbahn folgen, ist ebenfalls alt. Die US-Amerikaner beschäftigen sich seit Jahrzehnten damit und hatten entsprechende Testprojekte bereits in den 1950er-Jahren.

Problematisch an dem Begriff "Hyperschall" ist, dass viele dann an Hyperschall-Gleitvehikel denken oder an sogenannte Scram-Jets. Beides ist im Falle von Kinschal aber nicht gegeben.

tagesschau.de: Warum nicht?

Sauer: Gleitvehikel werden mit einer ballistischen Rakete in den Orbit gebracht, dann wird ein Sprengkopf ausgeklinkt - der folgt dann nicht weiter der ballistischen Flugbahn, sondern gleitet durch die Atmosphäre. Die Sprengköpfe sind dadurch viel lenkbarer, können große Kurven fliegen, in der Atmosphäre eine Art Wellenbewegung vollziehen. Dadurch ist kaum vorhersehbar, wo sie einschlagen werden. Das erschwert ihr Abfangen durch Raketen-Verteidigungssysteme enorm.

Ein Scram-Jet ist, stark vereinfacht ausgedrückt, eine Art Jet-Triebwerk, in das bei hoher Geschwindigkeit bei hoher Luftverdichtung Treibstoff eingespritzt wird - ohne dass es bewegliche Teile wie eine Turbine mit Schaufelrädern hätte. Das findet man bei modernen, hyperschallschnellen Marschflugkörpern. Auch hier ist es sehr schwer, im Grunde nahezu unmöglich, solche Raketen mit existierenden Systemen abzuwehren.

Hyperschall-Gleitvehikel und Marschflugkörper mit Scram-Jets sind in der Tat absolute Hochtechnologie. Aber: Beide technischen Merkmale treffen auf Kinschal nicht zu.

Umgebaute Mittelstrecken-Rakete

tagesschau.de: Was zeichnet denn Kinschal aus?

Sauer: Kinschal ist eine Iskander-Mittelstrecken-Rakete, die man für den aero-ballistischen Einsatz umgerüstet hat, für den Abwurf per Flugzeug. Es ist keine High-Tech-Wunderwaffe, sondern geht auf Technologie aus den 1980er-Jahren zurück, die die russische Armee adaptiert hat. Über einige interessante Fähigkeiten der Waffe, etwa das Ausstoßen von Täuschkörpern, wird nur spekuliert.

Wir wissen - das muss man auch ganz offen sagen - nicht alles, was diese Rakete auszeichnet. Aber man kann trotzdem sagen: Sie ist militärisch im Ukraine-Krieg kein "Game-Changer", sondern primär ein politisches Signal an den Westen, denn das System kann auch jede beliebige Stadt in Europa innerhalb weniger Minuten erreichen. Aber das war natürlich schon vor dem Krieg so.

Start einer russischen Iskander-Rakete | AFP

Dient als Basis für die Kinschal: die Iskander-Rakete Bild: AFP

Europa ungeschützt?

tagesschau.de: Kann die Rakete denn von den Flugabwehrsystem des Westens entdeckt werden?

Sauer: Die modernste Ausbaustufe des US-amerikanischen Patriot-Systems, über das auch die Bundeswehr verfügt, hat grundsätzlich die Fähigkeit, ballistische Raketen abzufangen. Wie gut die Aussichten in der Praxis sind, das wage ich nicht abschließend zu beurteilen. Ich gehe deshalb davon aus, dass wir in Europa mit Blick auf solche Bedrohungen weitgehend ungeschützt sind. Für solche Fälle hatten wir übrigens mal den INF-Rüstungskontrollvertrag, der solche Arten von Raketen verboten und vollständig abgerüstet hatte, eben damit wir uns damit nicht gegenseitig bedrohen. Folglich mussten wir in Europa bis vor kurzem auch nie über eine Abwehr nachdenken. Leider ist der Vertrag seit 2019 Geschichte.

Patriot-Systeme der Bundeswehr stehen auf dem Flughafen in Schwesing | dpa

Das Raketenabwehrsystem "Patriot" wird auch von der Bundeswehr eingesetzt - Kinschal-Raketen könnten ihm aber Probleme bereiten. Bild: dpa

"Signal an den Westen"

tagesschau.de: Wie ist denn der Einsatz von Kinschal zu bewerten?

Sauer: Die Ziele in der Ukraine, die angeblich beschossen wurden, wären auch mit Marschflugkörpern zu erreichen gewesen. Es gibt Beobachter, die daraus folgern, dass der russische Bestand an Marschflugkörpern zu Ende geht und man deshalb zu diesen aero-ballistischen Raketen gegriffen hat. Das ist Spekulation, das wissen wir nicht genau.

Politisch ist es ein Signal an den Westen, das vermitteln soll: "Bitte vergesst nicht, welche Raketen wir im Arsenal haben und dass Ihr dadurch verwundbar seid." Wahrscheinlich steckt auch das Bedürfnis dahinter, das überraschend schlechte Abschneiden der russischen Landstreitkräfte in der Ukraine und die Schwierigkeiten am Boden zu kontrastieren.

tagesschau.de: Was bedeutet es für die ukrainische Armee und die Menschen dort?

Sauer: Es macht militärisch keinen großen Unterschied. Ob ein langsamerer Marschflugkörper kommt oder ob mit Mach 8 ein Gefechtskopf vom Himmel fällt - am Ende gibt es immer Zerstörung, Tod, Verletzung und Leid.

Vertrauensaufbau - eine Sache von vielen Jahren

tagesschau.de: Was bedeutet es mittel- und langfristig für die Verteidigungspolitik des Westens?

Sauer: Mittel- und langfristig müssen zwei Dinge geschehen. Im Rahmen der gesamten Kurskorrektur in Europa müssen die militärischen Fähigkeiten ausgebaut werden, um wehrhafter zu sein. Die Raketenabwehr muss eine Komponente dieser Kurskorrektur sein.

Um hier aber nicht in einen neuen endlosen Rüstungswettlauf zu kommen, müssen wir aus einer Position der Stärke heraus dann auch wieder überprüfbare Rüstungskontrollvereinbarungen finden, die verhindern, dass wir lange in einem Zustand bleiben, in dem wir schon einmal in den 1980er-Jahren waren - und der dann mit dem INF-Vertrag überwunden wurde. Damals hat man sich mit den Mittelstreckenraketen in Europa mit einer Vorwarnzeit von wenigen Minuten gegenseitig die nukleare Vernichtung angedroht. Dahin will niemand zurück.

Also brauchen wir neben militärischen Fähigkeiten die diplomatischen Bemühungen und den Vertrauensaufbau, um irgendwann auf diese gegenseitige Bedrohung auch wieder verzichten zu können. Aber das wird Jahre und Jahrzehnte dauern. Den letzten Rest an Vertrauen, das es früher einmal nach langen Bemühungen gab und das schon vor dem Krieg in allen Bereichen zu bröckeln begann, hat Putin jetzt aus dem Fenster geschmissen. Da fängt man bei Null wieder an.

Das Gespräch führte Eckart Aretz, tagesschau.de

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 21. März 2022 um 18:18 Uhr.