Bauarbeiter vor Pipeline

Streit um russisches Gas Kreml weist Vorwurf der Verknappung zurück

Stand: 24.09.2021 12:48 Uhr

Europas Gas-Speicher sind derzeit ziemlich leer. International werfen Politiker Russland absichtliche Verknappung vor - als Druckmittel zur Inbetriebnahme der Pipeline Nord Stream 2. Moskau dementiert.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Gaslieferungen nach Europa seien eine komplizierte Gleichung, brachte es der russische Außenpolitiker Alexej Puschkow vor kurzem auf den Punkt. Tatsächlich geht es um deutlich mehr Variablen als nur um Angebot und Nachfrage, um Märkte und Mengen. Es geht auch um nationale Interessen, um Politik - und um sehr viel Meinung.

Christina Nagel ARD-Studio Moskau

Die Kritiker der Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 sehen sich durch die aktuell entbrannte Diskussion über russisches Gas bestätigt, dass der Konzern Gazprom seine Marktmacht in Europa missbrauche. Allen voran die politische Führung der Ukraine, die auf die lukrativen Erträge aus dem Transit-Geschäft angewiesen ist.

Kreml: Alle Lieferverträge werden erfüllt

Um die Einnahmen sicherzustellen, drängt der Chef des ukrainischen Energiekonzerns Naftogaz, Juri Witrenko, daher darauf, dass europäische Unternehmen das Gas bereits an der russisch-ukrainischen Grenze übernehmen und den Transit über die Ukraine abwickeln.

"Das ist sehr leicht zu lösen. Und das wird sofort die Preise senken und das Problem mit dem Defizit lösen", sagt Witrenko. "Und dann hätten wir auch weniger Grund zu sagen, dass Gazprom im Moment Gas als geopolitische Waffe einsetzt."

Ein Vorwurf, den der Kreml von sich weist. Gazprom, betont Kreml-Sprecher Dmitri Peskow, erfülle - auch wenn manch einer anderes behaupte - alle bestehenden Lieferverträge. "Unser Unternehmen, die russische Seite, erfüllt zu 100 Prozent und sogar darüber hinaus alle vertraglichen Verpflichtungen gegenüber der EU und den Verbrauchern", so Peskow.

Gaspreise in Europa stark gestiegen

Auch die Bundesregierung bestätigt, dass der geltende Gasliefervertrag eingehalten werde. Unabhängigen Experten zufolge hat Gazprom 40 Prozent mehr Gas geliefert als im Vorjahreszeitraum. Russisches Gas sei aktuell sogar günstiger als Gas auf dem Spotmarkt, sagt Oliver Hermes, Vorstandschef des Ostausschusses der deutschen Wirtshaft.

Dass auf den Großhandelsmärkten die Preise in die Höhe geschossen sind, hat nach Expertenansicht verschiedene Gründe: Zum einen sei in Europa, zum Beispiel in den Niederlanden, weniger Gas produziert worden. Zum anderen sei die Nachfrage nach Flüssiggas vor allem in Asien stark gestiegen.

Weil dort mehr gezahlt werde, werde es eben auch dorthin geliefert, erklärt Alexej Gromow vom Institut für Energie und Finanzen - und zeigt nach Washington: "Und niemand beschuldigt deshalb die USA, dass sie ihre europäischen Partner im Stich lassen und ihr Flüssiggas nicht nach Europa verkaufen", so Gromow.

Pragmatismus als Verhandlungsgrundlage

Dass Russland zusätzlich benötigte Mengen nicht über die Ukraine, sondern lieber über die neue Nord-Stream-Pipeline nach Europa transportieren wolle, ist aus seiner Sicht logisch: "Wir haben die Röhre gebaut, wir haben in sie investiert. Nun wollen wir sie möglichst schnell in Betrieb nehmen." Business sei nun mal Business.

Klar sei aber auch, dass man mit gegenseitigen Beschuldigungen keinen Schritt weiterkomme, sagt Gromow im russischen Fernsehen und mahnt mehr Pragmatismus bei allen Beteiligten an: Europa müsse sich bei der Frage nach der Zertifizierung von Nord Stream 2 bewegen.

"Die Ukraine sollte die Transitgebühren zumindest für eine gewisse Zeit senken, damit es für Gazprom lukrativ ist, in den kommenden Monaten zusätzliche Volumen über die ukrainischen Pipelines zu pumpen", sagt Gromow. Und Russland solle sich dazu durchringen, zusätzliches Volumen für Europa bereitzustellen. Das könne dann auch die Grundlage für weitere Verhandlungen sein.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. September 2021 um 05:55 Uhr.