Israels Präsident Rivlin steigt vor dem Bundeskanzleramt in Berlin aus einem Fahrzeug und streckt die Hände zur Begrüßung entgegen. | picture alliance / Kay Nietfeld/dpa
Porträt

Israels Präsident Rivlin "Wir sind alle Einheimische"

Stand: 07.07.2021 03:46 Uhr

Israels Staatspräsident Rivlin, der heute aus dem Amt scheidet, hat sich in den vergangenen Jahren den Ruf einer Vaterfigur für alle Israelis erarbeitet. Das machte ihn zu einem Gegenpol zu Ex-Premier Netanyahu.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Im vergangenen Mai greifen sich Araber und Juden in mehreren Städten des Landes gegenseitig an. Die Rede ist von bürgerkriegsähnlichen Zuständen. In dieser Lage meldet sich der Mann, der das Land seit Jahren einen will - Staatspräsident Reuven Rivlin.

Benjamin Hammer ARD-Studio Tel Aviv

Rivlin, 81 Jahre alt, ist so etwas wie der Großvater der Nation. Wenn er sich ans Volk wendet, sagt er oft: "Meine Lieben". Es wäre aber unfair, Rivlin und sein eher repräsentatives Amt auf diese Bezeichnung zu reduzieren. Dafür war seine Rolle in seiner siebenjährigen Amtszeit zu wichtig. Mit Blick auf die Gewalt zwischen Juden und Arabern im Mai sagt er: "Dieses Land gehört uns allen und mehr als alles andere müssen wir gegenüber dem Land und seinen Gesetzen loyal sein."

Suche nach einem Modell "zeitgerechter Israelität"

Rivlin wollte der Präsident aller Israelis sein. Seine Sicht auf sein Land beschreibt er so:

Es gibt in Israel den nicht-religiösen Stamm, den religiösen und den orthodoxen Stamm. Und es gibt den arabischen Stamm. Alle sind, ausnahmslos, Einheimische. Wenn wir es nicht schaffen, ein zeitgerechtes Modell moderner 'Israelität' zu finden, das jedem einzelnen dieser Stämme seinen Freiraum lässt, wenn es uns nicht gelingen sollte, ein Modell der Koexistenz zu finden und zwar mit gegenseitigem Respekt und mit Anerkennung, dann befindet sich unsere Stärke als Nation in ernster Gefahr.

Dem Rechtsdrift widerstanden

Rivlin, der Versöhner - obwohl er dem rechtskonservativen Likud angehört, der unter dem früheren Premierminister Benjamin Netanyahu politisch nach rechts driftete. Und obwohl Rivlin vor allem vor seiner Amtszeit durchaus Positionen vertrat, die man als nationalistisch bezeichnen kann.

Die Politikwissenschaftlerin Dahlia Scheindlin glaubt, dass Rivlin weiterhin dafür eintritt, dass Israel - falls möglich - auch das besetzte Westjordanland kontrolliert. Allerdings sei Rivlin vor allem in den letzten Jahren zu einem Kämpfer für Menschenrechte und eine unabhängige Justiz geworden. Auch weil sein politisches Lager in eine ultra-nationalistische Richtung schwenkte.

Rivlin habe versucht, die Einheit des Landes zu beschwören und schon zu Beginn seiner Amtszeit den arabisch-palästinensischen Bürgern Israels seine Hand gereicht. Rivlin, sagt die Politikwissenschaftlerin, "hat in den vergangenen Jahren dazu beigetragen, dass es eine weiterhin starke, andere Seite dieses Landes gibt - die sich nicht vom Populismus und Nationalismus davontragen lässt." Und das sei eine gute Nachricht - "denn es bedeutet, dass es noch keine ausgemachte Sache ist, dass sich Israel in eine extreme Richtung bewegt".

Israels Präsident Rivlin und Bundespräsident Steinmeier | dpa

Rivlin und Bundespräsident Steinmeier verbindet mehr als eine dienstliche Beziehung. Auch deshalb besuchte Steinmeier Israel noch einmal kurz vor Rivlins Aussscheiden aus dem Amt. Bild: dpa

Der Gegenpol

Rivlin war ein Anti-Netanyahu, obwohl beide der gleichen Partei angehörten. Netanyahu, den viele als Spalter bezeichnen, wollte 2014 verhindern, dass Rivlin Präsident wird. Er scheiterte. So unbeliebt der populistische Netanyahu in vielen Hauptstädten Europas war, so beliebt war und ist Rivlin - auch in Berlin.

Netanyahu war mit dafür verantwortlich, dass es in Israel vier Neuwahlen in nur zwei Jahren gab. Rivlin kritisierte das. Was von ihm bleibt, ist auch dessen Eintreten für die Demokratie des Landes. Und auch das wird bleiben: seine Ansprachen, in denen er seine Mitmenschen mit "Meine Lieben" ansprach. Heute Abend übergibt Rivlin das Amt an seinen Nachfolger Jitzhak Herzog.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 07. Juli 2021 um 06:28 Uhr.