Abgesperrter Campus in Danyang | Steffen Wurzel

Proteste in China Studierende wenden Hochschul-Fusionen ab

Stand: 14.06.2021 09:08 Uhr

Große Proteste sind in China äußerst selten. Umso erstaunlicher waren die Demos an mehreren Hochschulen in den vergangenen Tagen. Sie richteten sich gegen geplante Fusionen - und waren zum Teil erfolgreich.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai , zzt. Hangzhou

Es sind Szenen, die man selten sieht in China: Hunderte wütende Menschen, die sich zu einer Demo versammelt haben und lautstark Gerechtigkeit fordern. Es sind junge Leute, Studentinnen und Studenten, wie auf Handyvideos und Fotos zu sehen ist, die auf chinesischen Internetplattformen wie Weibo kursierten, bevor sie größtenteils gelöscht wurden. Auf den Videos sind auch Polizisten zu sehen, die mit einigen Studierenden rangeln, es kommen auch Schlagstöcke und Pfefferspray zum Einsatz.

Steffen Wurzel ARD-Studio Shanghai

Proteste an mindestens zehn Hochschulen

An mindestens zehn Hochschulen in den ostchinesischen Landesteilen Zhejiang und Jiangsu gab es solche und ähnliche Proteste in den vergangenen Tagen. Manche Demos mit einigen Hundert Menschen gleichzeitig verliefen konfrontativer - andere, kleinere Proteste eher ruhig und friedlich. Sie richteten sich gegen Reformen in der Studienordnung. Vereinfacht gesagt wollten die zuständigen Bildungsbehörden bestimmte Hochschulen mit niedriger gestellten berufsbildenden Schulen fusionieren. Angeordnet worden war die Reform von der kommunistischen Zentralregierung.

Obwohl aktuelle Studierende wohl nicht direkt betroffen gewesen wären: Viele fürchteten, dass ihre Hochschulabschlüsse durch die Fusionen künftig weniger wert sein würden. Die mögliche Konsequenz: Schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Deswegen die Proteste.

"Normalerweise kommt sowas ja nie vor, dass in China Studenten offen protestieren, aber diesmal waren wir alle ganz persönlich und direkt betroffen", sagt ein Student, der an der Zhejiang Gongshang Uni studiert. Auch auf seinem Campus, südwestlich der Stadt Hangzhou, gab es in den vergangenen Tagen Proteste. Zu einem Interview mit dem ARD-Hörfunk war der 23-Jährige nur unter der Bedingung bereit, dass seine Stimme verfremdet wird, um nicht erkannt zu werden.

Vielleicht gab es ein paar Wenige, denen die Uni-Fusionen  egal waren, aber die meisten von uns hatten das Gefühl, dass unsere Rechte und Privilegien verletzt wurden. Deswegen gab es diese Demos.

Proteste, wenn die Menschen direkt betroffen sind

Widerstand und Proteste dieser Art gebe es in China immer wieder, sagt Yangyang Cheng, die an der Yale Law School in den USA zum Thema Wissenschaftsethik in China forscht. Und zwar gebe es Proteste immer dann, wenn das Leben der Menschen direkt betroffen sei; zum Beispiel im Bereich Bildung.

Auf einem Campus in Nanjing sollen wütende Studierende aus Protest sogar den Hochschulrektor festgehalten haben, mehr als 30 Stunden lang, sagt die chinesische Polizei. Studentinnen und Studenten haben das zurückgewiesen, vielmehr sei der 55-Jährige freiwillig bei den Demonstranten geblieben. Auch auf dem Campus der Zhejiang Gongshang Universität südlich von Hangzhou seien Mitglieder der Hochschulleitung jederzeit bei den Studierenden geblieben, erinnert sich eine Studentin, die dort Rechnungswesen studiert.

"Wir hatten mitbekommen, dass es an anderen Unis schon Proteste gegeben hatte und die Reform dann dort zurückgenommen worden war, bei aber uns noch nicht", sagt die 22-Jährige. Auch sie bat darum, dass ihre Stimme verfremdet wird, aus Angst vor Ärger mit den Behörden.

Auf unserem Campus kursierten eine Menge Gerüchte. Wir haben über Messenger-Gruppen davon erfahren. Viele wurden immer unzufriedener und einige haben sich dann in der Mensa versammelt. Sehr schnell kamen Profs dazu. Sie wollten wissen, was los ist. Eine große Zahl von Studierenden hat sich dann am Haupttor versammelt. Auch der Uni-Rektor und Fakultätsleiter kamen dazu. Wir haben denen gesagt, was wir verlangen.

Reform in vier Landesteilen offenbar abgesagt

Letztlich waren die Proteste der Studentinnen und Studenten erfolgreich. In vier chinesischen Landesteilen wurde die umstrittenen Hochschulreformen zunächst abgesagt, heißt es in staatlichen Medien.

"Natürlich ist die chinesische Staatsführung autoritär und wird auch immer autoritärer", sagt die Wissenschaftsexpertin Yangyang Cheng von der Yale Law School in den USA. "Aber in einigen spezifischen Bereichen reagiert sie eben auf den Druck der Öffentlichkeit; und zwar wenn es um Bereiche geht, die den Machterhalt der Staatsführung nicht gefährden. Das sind - wie in diesem Fall - die Alltagssorgen der Menschen.“

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 14. Juni 2021 um 09:21 Uhr.