Menschen versammeln sich auf einer Straße in Jalalabad. | AFP

#NationalUprising in Afghanistan Mit Postings gegen die Taliban

Stand: 04.08.2021 13:36 Uhr

In Afghanistan rücken die Taliban vor und viele Menschen fürchten um ihr Leben und ihre Freiheiten. In den sozialen Netzwerken posten sie Videos von friedlichen Protestaktionen.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Sie laufen mit der afghanischen Nationalflagge durch die Nacht oder rufen über die Dächer der Stadt: "Wir wollen Frieden, wir wollen keinen Krieg, Gott ist größer, nieder mit den Taliban!"

Silke Diettrich ARD-Studio Neu-Delhi

Menschen aus Kabul und Herat filmen ihren Protest und posten die Videos in den sozialen Netzwerken: "Es sind historische Nächte", schreibt ein User bei Twitter. "Sie bringen uns die Hoffnung zurück, die wir so dringend benötigen. Wir wollen nicht zurück in die Steinzeit. Wir sind Afghanistan und wir werden dafür einstehen."

Zwischen Taliban und Regierungstruppen

Steinzeitlicher Islamismus - das sei die Ideologie der Taliban. Und viele Menschen in den Städten wollen sich der nicht fügen müssen. Aber die Taliban sind in Afghanistan, gerade seit dem Abzug der Nato-Truppen, auf dem Vormarsch. Und die Menschen im Land geraten nun noch mehr zwischen die Frontlinien der Taliban und den Regierungstruppen.

Im Mai und Juni, als der Abzug begann, sind so viele Zivilisten gestorben wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen, sagen die Vereinten Nationen. Die Menschen in den Städten versetzt das in Angst und Panik.

Dutzende Opfer bei Kämpfen

Gestern Abend gab es einen Anschlag auf das Verteidigungsministerium in Kabul, vier Menschen sind dabei ums Leben gekommen, mehr als zehn wurden verletzt. Im Süden des Landes, in der Provinzhauptstadt Laschkar Gah sind die Radikalislamisten sogar bis ins Stadtzentrum vorgedrungen. Dort will die Regierungsarmee nun eine Gegenoffensive starten.

Bei schweren Kämpfen in Herat, im Westen des Landes, und auch in Kandahar, im Süden von Afghanistan, seien ebenfalls Dutzende Zivilisten gestorben, das sagen Ärzte und Ärztinnen in den Krankenhäusern.

Ein zerstörtes Auto nach einem Anschlag in der afghanischen Hauptstadt Kabul | AFP

Ein zerstörtes Auto nach einem Anschlag in der afghanischen Hauptstadt Kabul Bild: AFP

"Ich habe Angst, ich hatte einen bösen Traum"

Im Norden, in der Stadt Masar-e Scharif, hätten die Menschen seit Langem schon schlaflose Nächte, sagt Elias Noori. Er macht sich große Sorgen, weil er jahrelang für die Bundeswehr gearbeitet hat. Für die Taliban sei er damit ein Verräter.

Fast täglich schickt er Nachrichten über WhatsApp: "Meine Tochter ist fünf Jahre alt. Sie ist heute Morgen aufgewacht und hat geweint. Sie hat gesagt: Ich habe Angst, ich hatte einen bösen Traum. Da waren die Taliban, die sind zu uns nach Hause gekommen."

Elias Noori hat Angst um sein Leben und das spüren auch seine Kinder. Er hatte vor dem Abzug der Bundeswehr in der Truppenküche gearbeitet. Allerdings war er dafür bei einem Subunternehmen angestellt. Damit wird er keine Chance haben, im Rahmen des Ortskräfteverfahrens der Bundesregierung nach Deutschland zu kommen.

#NationalUprising

Die Passämter in Kabul sind voll, weil die Menschen sich gezwungen sehen, aus Afghanistan zu fliehen: vor dem Krieg und auch vor der möglichen Machtübernahme der Taliban. Unter dem Hashtag #NationalUprising hat eine Userin einen Hilferuf ins Netz gestellt. Sie betet und fleht dabei den historischen Gründer ihrer Stadt Kandahar an, zur Hilfe zu eilen:

Ahmad Shah, hörst du mich? Deine Stadt liegt in Ruinen. In den Häusern: überall tote Körper. In jeder Ecke herrscht Krieg. Niemand eilt uns zur Hilfe. Ahmad Shah, deine Stadt ist zerstört.

Bislang haben die Taliban noch keine Provinzhauptstadt in Afghanistan einnehmen können. Die afghanischen Streitkräfte kämpfen derzeit an mehreren Fronten, um das zu verhindern. 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. Juli 2021 um 18:40 Uhr.