Blick auf das Auguste-Viktoria-Hospital in Jerusalem | picture alliance / AA
Europamagazin

Krankenhaus in Ost-Jerusalem Triage-Entscheidungen, jeden Tag

Stand: 21.05.2022 13:30 Uhr

Das Ost-Jerusalemer Auguste-Viktoria-Krankenhaus ist für viele palästinensische Krebspatienten die letzte Hoffnung. Doch das Budget hängt auch an EU-Geldern - und die werden blockiert. Das entsetzt auch viele EU-Minister.  

Von Sophie von der Tann, ARD-Studio Tel Aviv

"Schauen Sie doch, die Dose ist leer", sagt Haya Mutiaa und streckt Dr. Yussef Hamamre die Pillendose entgegen, dabei hat sie Tränen in den Augen. Die 37-jährige Palästinenserin leidet an Brustkrebs. Seit vier Monaten muss ihre Behandlung unterbrochen werden.

Sophie von der Tann ARD-Studio Tel Aviv

Denn Dr. Yussef fehlt das Geld für ihre lebenswichtigen Medikamente. "Sie hat mittlerweile Metastasen im Gehirn und in den Knochen", erklärt der Onkologe. "Ohne Behandlung hat sie wohl noch weniger als ein Jahr zu leben."

Ein ethisches Dilemma

Jeden Tag steht der Leiter der ambulanten Krebsstation am Auguste-Viktoria-Krankenhaus vor einem ethischen Dilemma: "Ich muss jeden Tag Triage-Entscheidungen treffen und bestimmen, wer morgen behandelt werden kann."

Denn die Apotheke im Auguste-Viktoria-Krankenhaus leert sich. Seit September mussten die Ärzte mehr als 500 Patienten abweisen und viele Behandlungen aussetzen.

Dabei ist das Krebskrankenhaus im arabischen Ostteil Jerusalems für viele die letzte Hoffnung. Nur hier können Palästinenserinnen und Palästinenser aus dem besetzten Westjordanland und Gaza eine Chemo- und Strahlentherapie bekommen.  

EU-Zahlungen bleiben aus  

"Dass wir von Tag zu Tag entscheiden müssen, welche Patienten wir behandeln können, hatten wir noch nie", sagt Sieglinde Weinbrenner. Sie vertritt den Lutherischen Weltbund, Träger des Krankenhauses. Finanzielle Engpässe seien zwar ein chronisches Problem. Aber die Situation verschärfe sich dramatisch durch ausbleibende EU-Zahlungen.

Von den rund 200 Millionen Euro EU-Hilfe für die Palästinensische Autonomiebehörde gehen 13 Millionen zweckgebunden an die Ost-Jerusalemer Krankenhäuser. Sieglinde Weinbrenner fehlt nun etwa ein Viertel ihres Budgets.

Lange hieß es aus Brüssel, das Geld werde aus "technischen Gründen" nicht ausgezahlt. Nur durch Zufall erfuhr sie, dass eine politische Diskussion dahintersteckt.

Eingang des Auguste-Viktoria-Hosital in Jerusalem | picture alliance / AA

Der Eingang zum Auguste-Viktoria-Hospital führt zurück in die wilhelminische Zeit. Heute ist es dringend auf EU-Gelder angewiesen. Bild: picture alliance / AA

Ein EU-Kommissar blockiert

Der Grund für die ausbleibenden Zahlungen liegt in Brüssel. Und er hat nichts mit dem Krankenhaus zu tun, sondern mit palästinensischen Schulbüchern. Ein umstrittenes Thema. 

Der für die EU-Unterstützung zuständige EU-Kommissar Olivér Várhelyi fordert deren Überarbeitung. Er kritisiert antisemitische und israelfeindliche Passagen. Der ungarische Kommissar blockiert deshalb die EU-Hilfen für die palästinensischen Gebiete und damit ebenso das zweckgebundene Geld für die Krebsklinik.

Auch viele EU-Mitgliedstaaten sind darüber empört. Der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn fordert, dass das Geld freigegeben wird. Es gehe darum, Familien zu helfen, "die unser Geld wirklich brauchen".

Asselborn verweist auf "19 EU-Außenminister, die sagen: Wir müssen unsere Glaubwürdigkeit erhalten". Doch bisher spricht nichts dafür, dass Várhely seine Meinung ändert. Und auch der Sprecher von Präsidentin Ursula von der Leyen wich am Freitag den Fragen der EU-Journalisten über viele Minuten immer wieder aus.  

EU-Kommissar Várhelyi | REUTERS

EU-Kommissar Várhelyi hält die Gelder zurück und fordert die Überarbeitung von palästinensischen Schulbüchern. Bild: REUTERS

Entscheidung bei von der Leyen  

Sieglinde Weinbrenner vom Lutherischen Weltbund befürchtet dramatische Konsequenzen. "Es ist so ein traditionelles Krankenhaus und ich möchte einfach nicht diejenige sein, die es schließen muss", sagt sie und ringt mit den Worten.

Von ihrem Büro auf dem Ölberg sieht man die goldene Kuppel des Felsendoms. Kaiser Wilhelm II. ließ das imposante Auguste-Viktoria-Gebäude errichten - auf der einen Seite reicht der Blick zur Jerusalemer Altstadt, auf der anderen zum Toten Meer.

Weinbrenner hofft nun auf eine Entscheidung von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, dass die Gelder freigegeben werden. "Sie ist doch selbst Ärztin und weiß, was es bedeutet, wenn Krebsbehandlungen unterbrochen werden."

Über dieses Thema berichten die tagesthemen am 22. Mai 2022 um 22:45 Uhr.