Ein Mann betrachtet auf einem Bildschirm im südkoreanischen Seoul Fernsehbilder des Raketentests vom 31.01.2022. | picture alliance / AA
Analyse

Raketentest-Serie Kim Jong Un testet Grenzen

Stand: 05.02.2022 08:57 Uhr

Nordkorea hat im Januar fast so viele Raketen getestet wie im ganzen Jahr 2021. Was bezweckt Pjöngjang damit - und warum finden die Tests ausgerechnet jetzt statt?

Von Ulrich Mendgen, ARD-Studio Tokio

Raketentests sind Nordkorea durch UN-Resolutionen untersagt. Den Machthaber Kim Jong Un kümmert es nicht. Am 31. Januar testete Pjöngjang sogar eine atomwaffenfähige Mittelstreckenrakete. Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur KCNA erreichte sie 2000 Kilometer Höhe und flog 800 Kilometer weit, bevor sie ins Meer stürzte. Stolz präsentierten nordkoreanische Staatsmedien sogar Weltraumbilder des Fluges, aufgenommen von einer auf der Rakete montierten Kamera. Beobachter bewerteten den Test als Nordkoreas größten seit 2017.

Ulrich Mendgen ARD-Studio Tokio

Es war der vorläufige Höhepunkt einer ganzen Serie von Abschüssen. Mal handelte es sich um Marschflugkörper, mal um ballistische Raketen, teilweise auch um Hyperschall-Technologie. Nordkorea selbst rechtfertigt die Aktionen mit technischen Notwendigkeiten. Es gehe darum, die eigene Selbstverteidigung zu optimieren. Doch diese Erklärung greift zu kurz, analysiert der renommierte Nordkorea-Experte Chad O’Carroll, Geschäftsführer der "Korea Risk Group" in Seoul und Gründer der Nachrichtenplattform "NK News".

Handeln können ohne Konsequenzen

Zuvor war es eher ruhig um Nordkorea geworden. In der Pandemie drangen noch weniger Informationen nach draußen als sonst. Gespräche mit den USA waren 2019 ohne Ergebnis geblieben. Buhlt Kim Jong Un nun mit Provokationen um Aufmerksamkeit? Diese Vermutung teilt O’Carroll nicht. Vielmehr nutze Kim Jong Un die Gunst der Stunde, um seinen strategischen Zielen näher zu kommen. Der Diktator wolle Handlungsspielraum gewinnen.

"Der Januar war ein günstiges Zeitfenster für Kim Jong Un", meint O‘Carroll. "Die USA sind mit der Ukraine beschäftigt, China mit Olympia und Südkorea mit Wahlkampf." Für Kim sei dies die Gelegenheit für Handlungen ohne Konsequenzen. Weitere Sanktionen oder andere Nachteile musste er in dieser Konstellation nicht erwarten.

Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un gestikuliert beim Besuch einer Gemüse-Anbaustation. | dpa

Immer im Mittelpunkt: Machthaber Kim weist Militärangehörigen den Weg - auch beim Besuch einer geplanten Gemüsefarm. Bild: dpa

Fünfjahresplan sieht Tests vor

Das Ziel sei es, die Weltöffentlichkeit schrittweise an regelmäßige Waffentests der Nordkoreaner zu gewöhnen. "Kim Jong Un will erreichen, dass Nordkorea als Land mit fortgeschrittener Raketen- und Nukleartechnologie akzeptiert wird", sagt O’Carroll. Dies sei das ausschlaggebende Motiv seines Handelns. Der Fünfjahresplan, der erst im vergangenen Jahr aufgestellt wurde, sieht explizit die Weiterentwicklung von Nordkoreas Waffenarsenal vor.

Innenpolitisch sind die Raketenstarts wohl aktuell die einzige Erfolgsmeldung, mit der Kim Jong Un seine Landsleute beeindrucken kann: Nordkorea steckt in einer akuten Lebensmittelkrise. Um so mehr scheint Kim Jong Un darauf bedacht, dem Volk die Leistungsfähigkeit seines Regimes auf militärischem Gebiet zu beweisen.

Fortsetzung nach den Winterspielen?

Aber das für ihn so vorteilhafte Zeitfenster hat sich nach Einschätzung von O’Carroll nun erst einmal geschlossen. Auf weitere nordkoreanische Kraftproben werde China nach dem Start der olympischen Winterspiele in Peking nicht mehr so nachsichtig reagieren. So lasse sich auch die offensichtliche Eile der Nordkoreaner bei der Durchführung der Testreihe im Januar erklären.

Denkbar ist daher auch, dass Kim Jong Un nach dem Ende der olympischen Spiele die Tests fortsetzt. Das wäre ein riskanter Weg, denn Kim Jong Un muss mit neuen Sanktionen rechnen. "Vielleicht ist ihm das aber egal", so Nordkorea-Experte O’Carroll. Kim setze darauf, seine Wirtschaftsprobleme mit Hilfe von China zu lösen. Schon bald könnte der nordkoreanische Machthaber wieder ein Vorwand für Raketenstarts suchen: Etwa die üblicherweise im Frühjahr beginnenden Militärübungen der USA und Südkoreas.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova am 04. Februar 2022 um 11:50 Uhr.