Kim Jong Un zeigt sich am 73. Jahrestag der Republikgründung Nordkoreas mit jungen Pionieren am Arm in Pjöngjang. | AP
Analyse

Nordkorea Alte Methode, neue Ziele?

Stand: 28.09.2021 08:41 Uhr

Nach längerer Abwesenheit zeigt sich Nordkoreas Herrscher Kim wieder in der Öffentlichkeit und sendet scheinbar widersprüchliche Signale aus. Setzt er auf Wettrüsten bis zum Frieden?

Von Philipp Abresch, ARD-Studio Tokio, zurzeit Hamburg

Immer, wenn Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un für ein paar Tage von der Bildfläche verschwindet, beginnt das Spekulieren: Herz-Probleme? Corona-Infektion? Oder gar ein Putsch? Über den Sommer war Kim wieder einmal abgetaucht und dann, Anfang September, plötzlich wieder da. Braungebrannt, erholt und lächelnd, vor allem deutlich schlanker, grüßt er bei einer Parade die Massen in Pjöngjang, links und rechts im Arm junge Pioniere - eine Szene wie aus dem kommunistischen Bilderbuch. Und wieder keimen die Spekulationen, welchen Kurs Kim nun verfolgt, in einer mutmaßlichen Corona-Krise und gegenüber der US-Regierung.

Philipp Abresch

Der Machthaber hatte zur Parade auf dem Kim Il Sung Platz antreten lassen. Solche Veranstaltungen sind immer ein Festtag, auch für Beobachter aus dem Ausland, für Diplomaten, Geheimdienstler, Journalisten. Denn wie ein Seismograph zeichnen diese Paraden den inneren Zustand von Partei, Militär und Machtapparat Nordkoreas nach.  

Einmal führt Kim seine neuesten ballistischen Raketen vor, dann seine Fuß-Soldaten mit Atomrucksäcken. Die Veteranen aus dem Korea-Krieg winken, Kims Generäle grüßen, Panzer rasseln - und zu all dem Marschmusik in Dauerschleife.

Ein auffälliger Unterschied

Diesmal aber war es anders: eine Nummer kleiner, friedlicher, weniger militärisch. Kim ließ Rettungshunde aufmarschieren, samt Herrchen im Stechschritt, ein ganzes Bataillon in orangenen Corona-Schutzanzügen, auch Trecker waren dabei und jede Menge Feuerwehrautos, übrigens auch aus deutscher Produktion.   

Die Interpretation dieses Mal: Kim will vor seinem Volk eine gute Figur machen: persönlich, aber vor allem politisch. Denn Nordkorea leidet massiv unter geschlossenen Grenzen, der selbstgewählten Corona-Isolation. Auch die Ernten dieses Jahr waren schlecht. Hinzu kommen die immer schon verhassten westlichen Wirtschaftssanktionen wegen des nordkoreanischen Atomprogramms. Die Wirtschaft liegt kaputt am Boden.   

Die spätsommerliche Parade dürfte also der Versuch Kims gewesen sein, den Menschen Zuversicht zu spenden. Und sich selbst darzustellen als junger, dynamischer Anführer, dem die Nation vertrauen kann.

Kim Jong Un lässt sich zum 73. Jahrestag der Gründung Nordkoreas in Pjöngjang von der Bevölkerung feiern. | via REUTERS

Die gewohnte Euphorie: Kim Jong Un nimmt im September bei den Feierlichkeiten zum 73. Jahrestag der Republikgründung ein "Bad in der Menge" - deutlich schlanker und in einem ungewohnten, westlich anmutenden Anzug. Bild: via REUTERS

Eine neue Rakete steigt auf

Dem Ausland dagegen zeigt der Machthaber unverändert gerne sein Raketenarsenal: Schlank wie Kim stieg vor wenigen Tagen eine neue ballistische Rakete in den nordkoreanischen Himmel, diesmal gestartet von einer mobilen Abschussrampe, von einem Zugwaggon. Der Start mit Feuerschweif wird stundenlang im nordkoreanischen Fernsehen wiederholt.

Etwas verschwommener dagegen sind neue Bilder US-amerikanischer Aufklärungssatelliten von der Atomanlage Yongbyon. Auch hier gibt es offenbar neue Aktivitäten. Nordkorea, sagen die Vereinten Nationen, habe womöglich wieder mit der Produktion von Plutonium begonnen; ein Stoff, den es für den Bau von Atomwaffen braucht. 

 

Setzt Nordkorea wieder auf Konflikt?  

Es ist das bekannte Muster: Die Beziehungen zwischen Nordkorea und dem Westen sind so wechselhaft wie der Kurs des Bitcoin. Mal nehmen sich Nordkoreas Kim und Südkoreas Premier Moon Jae-in herzlich am Arm. Dann wieder droht der Norden mit totaler Auslöschung.

Kims Raketenarsenal ist dabei nicht zu unterschätzen. Aber es sind keine Superraketen. Die meisten Bauteile stammen vermutlich aus Russland und dürften nicht besonders verlässlich sein. In den Krieg ziehen will Nordkorea damit eher nicht. Als Propagandawaffe erfüllen die Raketen aber sehr wohl ihren Zweck. Sie sind, wie das Atomprogramm, die Joker im Pokerspiel mit den USA. 

Satellitenbild von Nordkoreas Atomreaktor Yongbyon | AP

Die UN befürchten, dass Nordkorea den Atomreaktor in seinem umstrittenen Nuklearzentrum Yongbyon wieder in Betrieb genommen hat. Bild: AP

Neue Verhandlungen? 

Nordkorea will seit Jahren ein Ende der US-geführten Wirtschaftssanktionen erzwingen und fordert von den USA ein Ende der Militärmanöver in Südkorea. Die Generäle im Norden fühlen sich von diesen jährlichen Übungen aufrichtig bedroht. Ab und zu eine Rakete zu testen, führt in dieser Logik also nicht zu einem neuen Konflikt, sondern an den Verhandlungstisch.  

Auch die USA und China wollen grundsätzlich verhandeln. Keine dieser beiden Seiten hat großartig Interesse an einem nuklear-bewaffneten Nordkorea. Tatsächlich, so hört man aus Seoul, sollen alle Parteien hinter den Kulissen schon vorsichtig miteinander reden. 

US-Präsident Joe Biden muss sich gut überlegen, wie er den Nordkoreanern begegnen will - und Kim wie den US-Amerikanern. Ein öffentliches Spektakel wie mit Donald Trump wollen sich wohl alle Seiten ersparen. Der hatte Kim einen "Freund" genannt, ihn auf seine Air Force One eingeladen und sogar erzählt, sie hätten sich verliebt. Das sollte reichen, um Nordkorea von seinen Atomplänen abzubringen. Geholfen hat es nicht. Es hat die Nordkoreaner nur verärgert.

Handschlag zwischen Trump und Kim in der demilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea | REUTERS

Für Kim ein großer Erfolg: 2019 überschritt US-präsident Trump die Demarkationslinie zwischen Nord- und Südkorea. Fortschritte ergaben sich daraus nicht. Bild: REUTERS

Bald Friedensvertrag? 

Vor allem Südkorea will verhandeln. Und es will noch mehr: endlich Frieden. Bis heute befinden sich Nord- und Südkorea im Kriegszustand. Drei Jahre dauerte der blutige Korea-Krieg von 1950 bis 1953. Etwa drei Millionen Menschen verloren damals ihr Leben. Ein Trauma für beide Seiten bis heute. Erst in dieser Woche rief Südkoreas Premierminister Moon dazu auf, den Korea-Konflikt auch formal zu beenden. 

Südkorea spielt dabei das gleiche Spiel wie der Norden: Auch Premier Moon ließ gerade ballistische Raketen testen, um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen. Die Taktik könnte aufgehen: Das südkoreanische Friedensangebot tat der Norden erst als verfrüht ab. Dann aber trat Kims mächtige Schwester Kim Yo Yong vor die Mikrofone und nannte die Idee "ausgezeichnet" - vorausgesetzt der Süden und die USA beendeten ihre Feindseligkeiten gegenüber Nordkorea. Funktioniert der Plan "Wettrüsten bis zum Frieden" am Ende also doch?

Bewegung vor Jahrestagen?

Seit zehn Jahren ist Kim nun an der Macht. Vermutlich im Dezember will Nordkorea dieses Jubiläum ganz groß feiern. In zwei Jahren gibt es wieder ein historisches Datum: Dann begehen Nord- und Südkorea den 70. Jahrestag des Waffenstillstandes.  

Wird es bis dahin Frieden geben? Kim Jong Un könnte sich einen Platz in den Geschichtsbüchern sichern wollen - nicht nur in denen Nordkoreas. 

Über dieses Thema berichteten Deutschlandfunk am 03. April 2021 um 13:40 Uhr und die tagesschau am 28. September 2021 um 06:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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AlterSimpel 28.09.2021 • 16:11 Uhr

@État DE gauche

"Ganz im Gegenteil. Der Kommunismus versteht nur die Sprache der Macht." Seit 63 Jahren sprechen die United States Forces Korea mit ihren 30.000 US-Soldaten genau diese Sprache der Macht. Die gleiche Sprache sprechen die jährlichen Manöver und die milliardenschweren Rüstungseinkäufe Südkoreas in den USA. Diese Sprache wird in Pjöngjang gehört und so verstanden, dass nur ein nukleares Arsenal vor einer Invasion schützt. Egal was diese Sprache also sagen will, es verhindert offensichtlich seit 63 einen Frieden. Eine Veränderung der Strategie wäre also angebracht. Die Frage ist natürlich, ob das auch alle wollen. Mehr Frieden bedeutet weniger Waffenverkäufe, und wenn sich dort plötzlich alle gern hätten, womöglich sogar eine Entspannung zwischen China und Japan eintreten würde, dann würde den USA natürlich der Vorwand abhanden kommen, dort in der Region mit soviel Militär präsent zu sein.