Angela Merkel und Naftali Bennett

Merkel in Israel "Es geht darum, nicht neutral zu sein"

Stand: 10.10.2021 11:48 Uhr

Bei ihrem Abschiedsbesuch in Israel hat Kanzlerin Merkel noch einmal die deutsche Verantwortung für das Land betont. Es gehe darum, eine "klare Position zugunsten der Sicherheit von Israel" einzunehmen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich bei ihrem Abschiedsbesuch noch einmal klar zur deutschen Verantwortung für Israel bekannt. "Und Deutschland wird sich auch weiter zu dieser Verantwortung bekennen", sagte sie zum Auftakt einer gemeinsamen Sitzung mit der israelischen Regierung. "Denn die Geschichte der Schoah ist natürlich ein singuläres Ereignis, für das wir weiter auch Verantwortung tragen. In jeder Phase der Geschichte, auch in der Zukunft."

Es sei aber falsch, wenn die Beziehungen nur auf diesen Aspekt beschränkt würden, fügte Merkel hinzu. "Weil Israel ein jüdisch-demokratischer Staat in einer Umgebung ist, in der es keine Demokratien in unserem Sinne gibt, ist es so wichtig, dass wir in der gesamten Breite unserer Tätigkeiten miteinander Beziehungen haben", betonte sie an der Seite von Israels Regierungschef Naftali Bennett. Das betreffe die Sicherheit Israels, für die sich Deutschland weiter verantwortlich fühle. "Es geht darum, nicht neutral zu sein, sondern eine klare Position zugunsten der Sicherheit von Israel einzunehmen, egal wie schwierig die Situation ist."

Die Sicherheit Israels bezeichnete Merkel als "Teil unserer Staatsräson" und stufte sie auch für jede künftige deutsche Regierung als "zentralen Punkt" ein. Dies gelte etwa für die Gefahr einer nuklearen Aufrüstung des Irans. Man müsse iranische Drohungen gegen die Existenz Israels "sehr, sehr ernst nehmen."

"Verantwortung für die Geschichte wach halten"

Merkel sagte, man sei vielleicht manchmal unterschiedlicher Meinung darüber, ob es eine Zwei-Staaten-Lösung geben solle. Aber man sei sich einig, dass es die Vision eines dauerhaft demokratischen jüdischen Staates Israel geben müsse.

Die heutigen Beziehungen Israels mit Deutschland nannte die Kanzlerin vor dem Hintergrund des Holocaust einen "Glücksfall". Dies sei "ein Schatz, der immer wieder geschützt werden muss". Merkel versprach, man werde weiterhin entschieden Antisemitismus bekämpfen. "Das wird nur gelingen, wenn wir die Verantwortung für die Geschichte wach halten, auch wenn es keine Zeitzeugen mehr geben wird."

Bennett über Merkel: "Moralischer Kompass"

Israels Regierungschef Bennett würdigte die Kanzlerin seinerseits als "moralischen Kompass des gesamten europäischen Kontinents". Israel sei dankbar für Merkels besonderen Einsatz für seine Sicherheit, sagte er. Er lobte Merkels Rolle "bei der Festigung dieser außergewöhnlichen Beziehung, die auf einer historischen, riesigen Wunde basiert". Merkel habe während ihrer Amtszeit Israel gegenüber keine neutrale Position eingenommen, sondern stehe stets klar an der Seite des jüdischen Staates.

Auch iranisches Atomprogramm ein Thema

Bei Merkels Gesprächen in Israel sollte es unter anderem um das iranische Atomprogramm, die Frage eines unabhängigen Palästinenserstaates und bilaterale Themen gehen. Nach dem Treffen mit Bennett will die Kanzlerin Gespräche mit Präsident Izchak Herzog und Außenminister Jair Lapid führen - das erste Mal seit Amtsantritt von Präsident und Regierung in Jerusalem im Sommer.

Eine für Ende August geplante Reise Merkels nach Israel war wegen der dramatischen Entwicklung in Afghanistan abgesagt worden. Am Nachmittag will die Kanzlerin in Anwesenheit von Bennett einen Kranz in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem niederlegen. Bei einer Zeremonie in Jerusalem soll Merkel die Ehrendoktorwürde des Technion-Israel Institute of Technology aus Haifa verliehen werden. Am Abend ist ein gemeinsames Treffen von Merkel und Bennett mit Unternehmensvertretern geplant, am Montag reist die Kanzlerin zurück.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 10. Oktober 2021 um 12:00 Uhr.