Verlassene Straße in Masar-i-Scharif | EPA

Ex-Hauptquartier der Bundeswehr Taliban nehmen auch Masar-i-Scharif ein

Stand: 14.08.2021 21:05 Uhr

Bis vor wenigen Wochen hatte die Bundeswehr in Masar-i-Scharif noch ihren Afghanistan-Hauptstandort - jetzt ist auch diese Stadt an die Taliban gefallen. Die Armee soll kampflos in Richtung Usbekistan geflohen sein.

Die Taliban haben bei ihrem Eroberungsfeldzug laut übereinstimmenden Medienberichten auch die nordafghanische Metropole Masar-i-Scharif unter ihre Kontrolle gebracht. Zunächst hätten sich Soldaten der Armee in der viertgrößten Stadt des Landes ergeben und danach auch regierungstreue Milizen, sagte der Abgeordnete Abas Ebrahimsada aus der Provinz Balch der Nachrichtenagentur AP. Damit hält die Regierung lediglich noch zwei Großstädte - Dschalalabad im Osten und die Hauptstadt Kabul.

Ebrahimsada sagte weiter, alle Gebäude der Provinzregierung sowie das Büro des Gouverneurs seien unter Kontrolle der Taliban. Der Vorsitzende des Provinzrats von Balch, Afsal Hadid, sagte der Nachrichtenagentur Reuters, die Stadt sei anscheinend ohne Kampf an die Taliban gefallen. Die Sicherheitskräfte seien in Richtung usbekische Grenze geflohen.

Die Islamisten hatten die Stadt seit rund einer Woche intensiv angegriffen. Milizen des Ex-Gouverneurs Mohammad Atta Nur und des Ex-Kriegsfürsten Abdul Raschid Dostum hatten zuletzt nördlich der Stadt eine zusätzliche Verteidigungslinie zur Unterstützung der Sicherheitskräfte aufgebaut. Doch beide sollen laut Provinzrat Sabiullah Kakar in die Stadt Hairatan nahe Usbekistan geflohen sein und versuchen, die Grenze zu überqueren.

Sorge um ehemalige Bundeswehr-Ortskräfte

In Masar-i-Scharif, der Hauptstadt von Balch, hatte die Bundeswehr bis Juni ihr Hauptquartier. Dort waren bis zum Sommer noch rund 1000 deutsche Soldaten stationiert. Die Bundeswehr hatte zuletzt afghanische Sicherheitskräfte im Zuge der NATO-Mission "Resolute Support" ausgebildet.

Es könnten weitere Ortskräfte der Bundeswehr in der Stadt sein. An ihnen werden Racheaktionen der Taliban befürchtet.

Vormarsch auf Kabul

Schwere Kämpfe gibt es auch in der Umgebung der Hauptstadt. Eine Provinz südlich von Kabul wurde vollständig von den Taliban eingenommen. Eine weitere, Wardak südwestlich von Kabul, ist umkämpft. Offenbar wollen die Radikalislamisten die Hauptstadt umzingeln, wie sie das mit anderen Städten zuvor schon taten.

Zudem fiel Scharana, die Hauptstadt der Provinz Paktika an der Grenze zu Pakistan, an die Aufständischen, wie ein Abgeordneter aus dieser Provinz, Chalid Assad, der AP mitteilte. Die Kämpfe dort hätten am Morgen begonnen, dann hätten Stammesälteste interveniert und einen Abzug der Regierungsvertreter ausgehandelt. Der Gouverneur und Beamte hätten kapituliert und seien auf dem Weg nach Kabul.

Die Taliban eroberten außerdem Maimana, die Hauptstadt der Provinz Farjab im Norden, wie eine örtliche Abgeordnete der AP bestätigte. Etwa 20 der 34 Provinzen und mit Herat und Kandahar wichtige Metropolen sind unter ihrer Kontrolle.

Ghani wendet sich an Afghanen

Afghanistans Präsident Ashraf Ghani wandte sich am Mittag mit einer Fernsehansprache an sein Volk. Manche Beobachter hatten seinen Rücktritt erwartet, doch davon war keine Rede.

Er sagte, er wolle verhindern, dass die Errungenschaften der vergangenen 20 Jahre verloren gehen: "In der gegenwärtigen Situation ist unsere Priorität der Zusammenhalt der Sicherheits- und Verteidigungskräfte, und es werden ernsthafte Maßnahmen ergriffen."

Wenig später teilte der Präsidentenpalast nach einem Treffen Ghanis mit politischen Führern mit, man habe sich darauf geeinigt, ein Verhandlungsteam für die Friedensgespräche mit den Taliban aufzustellen. Diese laufen seit September, allerdings ohne nennenswerte Fortschritte.

Biden verteidigt US-Abzug erneut

US-Präsident Joe Biden verteidigte erneut den Abzug der US-Truppen: "Ein weiteres Jahr oder fünf weitere Jahre US-Militärpräsenz hätten keinen Unterschied gemacht, wenn das afghanische Militär sein eigenes Land nicht halten kann oder will." Eine endlose amerikanische Präsenz inmitten eines Bürgerkriegs in einem anderen Land sei für ihn nicht akzeptabel gewesen.

"Ich war der vierte Präsident, der eine amerikanische Truppenpräsenz in Afghanistan geleitet hat - zwei Republikaner, zwei Demokraten", erklärte Biden weiter. Er werde "diesen Krieg nicht an einen fünften Präsidenten weitergeben".

Biden erhöhte die Zahl der US-Soldaten, die bei der Evakuierung der Botschaft in Kabul helfen sollen. Statt der vorhergesehenen 3000 Soldaten sollten nun "etwa 5000 Soldaten" eingesetzt werden, um die Ausreise des Botschaftspersonals und unzähliger ziviler Ortskräfte zu sichern.