Auf einem Müllcontainer suchen junge Menschen in Beirut nach Verwertbarem. | AP

Libanon Hungerkrise im Ramadan

Stand: 20.04.2021 08:17 Uhr

Der wirtschaftliche Verfall des Libanon ist rasant: Vielen Familien fehlt im Ramadan das Geld für eine gemeinsame Mahlzeit. Freiwillige Helfer versuchen, die schlimmste Not zu lindern.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Am meisten berührt es Hind Mouawad, wenn Menschen zu ihr kommen, die andere in ihrem Leben noch nie um Geld gebeten haben. Ein alleinerziehender Vater aus Beirut etwa, der keinen Job mehr hat, nicht weiß, wie er seine drei Kinder ernähren soll. Sie können oft nicht zur Schule gehen, weil sie Gelegenheitsjobs annehmen müssen. Dennoch kommt nicht genug Geld zusammen, um die Miete für ihre heruntergekommene Wohnung am Stadtrand zu bezahlen. Ihnen droht die Obdachlosigkeit.

Daniel Hechler ARD-Studio Kairo

Mouawad hilft mit ihrer kleinen Organisation "Volunteers together" gerne, wenn sie kann, hört sich die Geschichten der Menschen an. "Was ihr macht, ist eigentlich Aufgabe des Staates", sagt ihr der Vater nach einer Odysse durch staatliche Stellen ohne jeden Erfolg. Seinen Namen will er nicht nennen. Sie weiß, wie schwer es vielen fällt, ihre Hilfe überhaupt anzunehmen. "So viele Menschen haben ihren Stolz verloren, sind gebrochen", erzählt die 49-jährige Libanesin.

Hind Mouawad hilft mit ihrer Initiative Bedürftigen, wo sie kann.

Hind Mouawad hilft mit ihrer Initiative Bedürftigen, wo sie kann.

Mahlzeiten im Ramadan unerschwinglich

Über 600 Familien versorgt sie mit "Volunteers together" mittlerweile pro Monat. Jeden Tag werden es mehr. Ihr Team verteilt Lebensmittel, Medikamente, Decken, Kleidung. Die Ressourcen aber sind begrenzt, die Spendenbereitschaft geht zurück, ihre Mission wird immer schwieriger. "Mir gibt diese Arbeit viel Zuversicht", sagt Mouawad. "Selbst an Tagen, an denen ich nicht viel erreichen konnte, kann ich mir zumindest sagen, ich habe es versucht."

25 Freiwillige helfen mittlerweile unentgeltlich mit, die meisten sind Studenten. Auch ihre vier Kinder werden eingespannt. Im Ramadan haben sie noch mehr zu tun als sonst. Gerade in dieser Zeit der Einkehr, des Zusammenhalts will Mouawad helfen, die schlimmste Not zu lindern, Familien ihre Würde zu lassen, Hoffnung auf einen Neuanfang geben. Das gemeinsame Mahl nach einem Tag des Fastens kostet heute im Durchschnitt etwa dreimal so viel wie noch 2018. Für viele unerschwinglich.

Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze

Laut Weltbank sind Lebensmittel in keinem anderen Land des Nahen Ostens so teuer wie im Libanon. Die Preise für einige Medikamente haben sich seit 2018 gar vervierfacht. Das hängt auch damit zusammen, dass die meisten Waren importiert werden, die Landeswährung aber kollabiert ist.

Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt mittlerweile unterhalb der Armutsgrenze. "In diesem Land gibt es keine Zukunft für junge Menschen", sagt Ali, ein Busfahrer mit zwei Töchtern. "Es gibt für überhaupt niemanden mehr eine Zukunft. Jeder, der das Land verlassen kann, verlässt es."

"Wir alle sind Bettler", steht auf einer Hauswand in Beirut - davor sitzt eine bettelnde Frau mit Kind auf der Straße. | dpa

"Wir alle sind Bettler", steht auf einer Hauswand in Beirut - davor sitzt eine bettelnde Frau mit Kind auf der Straße. Bild: dpa

Die schwerste Wirtschaftskrise des Landes ist hausgemacht: Folge von Korruption und Misswirtschaft gieriger Eliten. Diese haben sich über Jahrzehnte selbst bereichert, Schuldenberge angehäuft. Nun ist der Staat pleite, die Banken wanken. Schon seit Monaten können sich die etablierten Parteien auf keine neue Regierung einigen. Machtproporz der herrschenden Cliquen geht auch jetzt noch vor Gemeinwohl.

Der Elektrotechniker Samir Haddad bangt um sein Vaterland: "Ich bitte Gott, uns zu schützen, auf unsere Regierenden einzuwirken, dass sie gewissenhaft handeln, unsere Kinder schützen. Jeden Morgen bete ich." Der Zentralbank dürften die Devisen schon Ende Mai ausgehen. Dann kann der Staat keine Subventionen mehr auf Grundnahrungsmittel und Medikamente zahlen. Es droht eine Hungersnot. "Sie haben die Menschen erniedrigt, fallen gelassen", sagt Hind Mouawad. "Wir sind so wütend auf sie."

"Wir sind für alle da"

Mouawad selbst kommt aus einer vermögenden Familie, ist priviligiert und sich dessen voll bewusst. Sie gehört zu den zehn Prozent der Bevölkerung, denen 70 Prozent des Reichtums gehören. 2003 hat sie ihre Organisation gegründet, um Menschen in akuter Not zu helfen. Sie will wenigstens einen kleinen Beitrag dazu leisten, das enorme soziale Gefälle zu verringern. Über die Jahre hat sie ein Netzwerk von Spendern im In- und Ausland aufgebaut, die ihr vertrauen. Sie kauft die Waren mit ihren Helfern da ein, wo sie am günstigsten sind, packt daraus in einer Lagerhalle Lebensmittelpakete, verteilt sie vor Ort oder bringt sie zu Familien in den Randbezirken Beiruts.

Jeden Tag warten neue Herausforderungen: "Manchmal müssen Kranke in die Klinik gebracht werden, brauchen Studenten Geld für ihre Ausbildung, Eltern Geld für die Schule ihrer Kinder", erzählt sie. Die Religionszugehörigkeit spielt für die Christin dabei keine Rolle: "Wir sind für alle da!" Dass sie mit ihrer Arbeit die Krise des Libanon nicht lösen kann, weiß sie nur allzu gut. Aber zumindest will sie beim Niedergang ihres Landes nicht nur zuschauen, sondern zumindest einen kleinen Beitrag leisten, die Not zu lindern - das Land zusammen zu halten in der vagen Hoffnung, dass es irgendwann wieder aufwärts geht mit dem Libanon.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. April 2021 um 01:00 Uhr in den Nachrichten.