Eine Israel-Flagge vor einem zerstörten Gebäude im Kibbuz Kfar Aza.
reportage

Hamas-Terror im Kibbuz Kfar Aza "Wir können nicht einfach zurückkommen"

Stand: 07.11.2023 11:33 Uhr

Einen Monat nach dem Überfall der Hamas kehren Bewohner in den Kibbuz Kfar Aza zurück. Viele Häuser sind zerstört, wer den Terror überlebt hat, ist traumatisiert. Wie kann es dort weitergehen?

Für Ralph Levinson und seinen Sohn Alon geht es zurück in ihr Zuhause: den Kibbuz Kfar Aza - auch wenn es dieses Zuhause so nicht mehr gibt. Langsam fährt das Auto an das schwere, gelbe, metallene Tor heran. Olivgrün gekleidete Soldaten der israelischen Armee halten den Wagen an. Per Funk klärt der wachhabende Soldat, ob Levinson in den Kibbuz hineinfahren darf. Er weist sich als Bewohner aus. Schnell kommt das Okay der Militärs.

Bis zu jenem schwarzen Samstag, dem 7. Oktober, lebte Ralph Levinson in Kfar Aza - mehr als 40 Jahre lang. Bis Hamas-Terroristen den Kibbuz, der nur zwei Kilometer vom Gazastreifen entfernt liegt, brutal überfielen.

Karte von Israel mit dem Kibbuz Kfar Aza und dem Gazastreifen

Nun fährt Levinson, der in Namibia deutschsprachig aufwuchs, an von Kugeln durchlöcherten Fahrzeugen entlang. Manche Häuser sind ausgebrannt, viele der Fassaden weisen Einschusslöcher auf. Nach wenigen Minuten erreicht Levinson sein Haus. Ein Feuermelder piepst. Von seinem Garten ist nicht viel übriggeblieben, die Wohnung ist fast unbeschadet - nur Strom gibt es nicht, wie er feststellt.

Mehr als zwei Tage Kämpfe im Kibbuz

Ralph Levinson und seine Frau hatten unglaubliches Glück. Die Hamas-Kämpfer feuerten zwar Gewehrsalven auf das Haus ab, doch keiner betrat die Wohnung. Als die ersten Schüsse fielen, reagierten die beiden Rentner: "Dann sind wir in den Bunker gegangen und haben die Tür abgesperrt, um zu vermeiden, dass jemand hineinkommt. Und vor dem Fenster ist auch eine Stahlplatte."

24 Stunden blieben die beiden im Bunker. Nur ganz selten steckten sie die Köpfe aus ihrem Schutzraum. "Wir haben andauernd die Explosionen gehört und so weiter", erinnert sich Levinson. "Aber wir wussten nicht genau, was sich abspielt. Es gab auch kein Telefon." Die beiden hatten gedacht, dass zwei Terroristen im Kibbuz wären - oder "einer, drei, vier, fünf - nicht 300". Dann sei die Nachbarin verängstigt ins Haus gekommen: "Sie sagte, sie hat schwarz gekleidete Männer auf dem Rasen gesehen mit weißem Band um den Kopf. Und meine Frau sagte, es sind israelische Soldaten."

Ein israelischer Soldat geht durch den Kibbuz Kfar Aza.

Kfar Aza liegt nur zwei Kilometer von Gaza entfernt - israelische Soldaten und Hamas-Terroristen standen sich dort so nah gegenüber wie sonst kaum an einem Ort.

Mehr als zwei Tage dauerten die Kämpfe in Kfar Aza. In kaum einem anderen Kibbuz standen sich die Terroristen und das israelische Militär so unerbittlich gegenüber. Mehr als 100 Menschen wurden niedergemetzelt, darunter viele Säuglinge und Kinder.

"Die Kinder haben ein sehr ernstes Trauma"

Alon Levinson, Ralphs Sohn, geht im Nebenhaus über zerborstenes Glas. Überall liegen Trümmer. Es ist das zerstörte Haus seines besten Freundes. In Alons Kopf arbeitet es. Er denkt an die Zukunft. "Ich bin in einem Kibbuz aufgewachsen und ich wollte, dass meine Kinder eine glückliche und freie Kindheit erleben", sagt er. "Aber klar: Dieser Akt von rein teuflischem Terror hat alles verändert. Wir müssen nun einen neuen Weg finden. Wir können nicht einfach hierher zurückkommen. Die Kinder haben ein sehr ernstes Trauma."

Auch sein Vater Ralph hat Zukunftssorgen. In Kfar Aza wollte er zusammen mit seiner Frau seinen Lebensabend verbringen. Doch für den 71-Jährigen ist die Zukunft völlig offen. Es gibt viele Fragen: "Wie ist die Sicherheitssituation? Ob wirklich die Hamas verschwinden wird? Und ob da eine stabile Regierung nach Gaza kommt, mit der man leben kann und die keine Raketen auf uns schießt." Zwar habe man sich mit dem häufigen Raketenbeschuss seit 20 Jahren schon abgefunden - "aber mit solch einem Terroranschlag gar nicht".

Es gebe zutiefst traumatisierte Leute, die ihre Kinder verloren hätten: "Die können nicht wieder in diesen Friedhof ziehen, wo sie vorher gelebt haben. Das ist einfach unmöglich."

Julio Segador, ARD Tel Aviv, tagesschau, 06.11.2023 23:11 Uhr

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete NDR Info am 07. November 2023 um 11:14 Uhr.