Fans mit einer palästinensischen Flagge bei dem Spiel zwischen Tunesien und Australien während der WM in Katar. | EPA

WM in Katar Bekenntnisse, die Katar gefallen

Stand: 06.12.2022 14:54 Uhr

Eigentlich sind politische Botschaften während der WM laut FIFA untersagt. Und doch tragen viele arabische Fans Armbinden und Transparente mit palästinensischen Symbolen. Das kommt der außenpolitischen Strategie Katars entgegen.

Von Anne Allmeling, ARD-Studio Kairo, zzt. Doha

Schwarz, weiß, grün mit einem roten Dreieck - viele Fußballfans aus der arabischen Welt zeigen sich während der WM in Katar mit der Flagge der palästinensischen Gebiete. Deren Nationalmannschaft hat sich zwar nicht für die Weltmeisterschaft qualifiziert. Auf der Rangliste der FIFA vom Oktober belegen die Palästinenser gerade einmal Platz 94 von 211 Nationen.

Anne Allmeling ARD-Studio Kairo

Aber in der Debatte um politische Statements während der Fußball-WM geht es seit einigen Tagen immer wieder um die palästinensische Flagge. Auffällig ist, dass das eindeutige Bekenntnis für die palästinensische Sache den Fußballfans im Stadion offenbar gestattet wird - obwohl die FIFA politische Statements und Symbole während der WM verboten hat.

Ein Fußballfan in Katar mit palästinensischer Armbinde. | REUTERS

Politische Symbole sind in den Stadien laut FIFA verboten. Trotzdem werden Armbinden mit palästinensischen Symbolen wie hier beim Spiel Kanada gegen Marokko offenbar geduldet. Bild: REUTERS

Flagge statt "One Love"

So untersagte der Welt-Fußball-Verband allen Spielern und Akteuren, die viel diskutierte "One Love"-Armbinde zu tragen. Mehrere europäische Mannschaften hatten damit ein Zeichen für Vielfalt, Offenheit und Toleranz setzen und sich gegen Homophobie und Rassismus positionieren wollen. Doch Fans, die die Stadien mit "One Love"-Armbinde betreten, werden meist von Ordnungshütern aus der Arena geführt.

Die palästinensische Flagge dagegen wird geduldet, wenn nicht offiziell, dann zumindest von den Ordnungshütern im Stadion. Dem WM-Gastgeber Katar dürfte das recht sein: Seit Jahrzehnten unterstützt der Golfstaat die Hamas im Gazastreifen. Die palästinensische Organisation wird von mehreren europäischen Staaten, den USA und Israel als Terrororganisation eingestuft, erhält aus Katar aber finanzielle Hilfen.

Weltweite Strategie mit vielen Facetten

"Für Katar ist das Engagement in Palästina auch Teil seiner weltweiten diplomatischen Strategie", sagt Politikwissenschaftler und Katar-Experte Nicolas Fromm von der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr. "Immerhin investiert man bereits seit den 1990er-Jahren große Summen und Anstrengungen in die Bearbeitung des Nahostkonfliktes. Man verspricht sich von Ermittlungserfolgen viel Prestige und sucht deshalb die Nähe zu allen Konfliktparteien vor Ort."

Tatsächlich unterhält Katar nicht nur Beziehungen zu den Palästinensern, sondern - inoffiziell - auch zur israelischen Regierung. Für die Jahre 2006 und 2007 wurde Katar sogar mit den Stimmen Israels in den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen gewählt.

Seit Beginn der WM dürfen Fans aus Israel per Direktflug nach Doha fliegen. Das Emirat trifft oft pragmatische Entscheidungen, obwohl es in der arabischen Welt dafür bekannt ist, eine Normalisierung der Beziehungen arabischer Länder mit Israel zu kritisieren.  

Anfeindungen gegenüber israelischen Journalisten

Seit Jahrzehnten machen arabische Autokraten die Israelis für alles Übel in der Region verantwortlich und sparen nicht an Vorwürfen und Verschwörungstheorien. Die Propaganda der Regime verfängt bei vielen Menschen in der Region - und ist ein Grund dafür, dass israelische Journalisten während der WM von arabischen Fans beschimpft, beleidigt und an ihrer Arbeit gehindert werden.

In den sozialen Medien schildern Reporter aus Israel unter anderem, dass sie in Katar von Fans aus arabischen Ländern angebrüllt wurden. Viele Araber deuten die Anwesenheit von Israelis in Katar offenbar als Zeichen einer Normalisierung zwischen den beiden Ländern - zu einer Zeit, in der die israelische Armee mit großer Härte gegen Palästinenser vorgeht.

In den vergangenen Monaten hat die Gewalt im Westjordanland stark zugenommen. Nach tödlichen Angriffen in Israel im März und April führte die israelische Armee zahlreiche Razzien durch. UN-Angaben zufolge wurden in diesem Jahr bereits mindestens 146 Palästinenser und 26 Israelis getötet.

Der harte und viel kritisierte Umgang der israelischen Regierung mit den Palästinensern hat zur Folge, dass viele Menschen in der arabischen Welt mit den Palästinensern sympathisieren. Die Tatsache, dass der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern seit Jahrzehnten andauert und keine dauerhafte, umfassende und gerechte Lösung gefunden wird, erleichtert es vielen arabischen Autokraten, den Konflikt für eigene Zwecke zu instrumentalisieren.

Engagement als Lippenbekenntnis

Viele arabische Fans halten die Flagge der palästinensischen Gebiete hoch, und das, obwohl die politischen Führer ihrer Länder manchmal engere Beziehungen nach Tel Aviv zu haben scheinen als nach Gaza oder Ramallah.

"Als Symbol vereint Palästina praktisch die ganze arabische Welt, doch in der tagespolitischen Realität zeigt die Einigkeit schnell Risse", sagt Nicolas Fromm. So ändere sich an den schwierigen Lebensbedingungen für Palästinenserinnen und Palästinenser vor Ort nur wenig.

Viele Palästinenserinnen und Palästinenser fühlten sich immer wieder von den arabischen Staaten im Stich gelassen. Tatsächlich wirkt deren Engagement für die Menschen in den palästinensischen Gebieten oft wie ein reines Lippenbekenntnis.

Weg von europäischen Aufforderungen

Um diesen Eindruck gar nicht erst aufkommen zu lassen, dürfte es in Katars Interesse sein, dass viele Fans die schwarz-weiß-grüne Flagge schwenken. Damit lenken die Fans die Aufmerksamkeit auf sich - und weg von den "One-Love"-Armbinden der Europäer.

Deren Aufforderung zu Toleranz und Offenheit ist vielen arabischen Autokraten ein Dorn im Auge. Denn mehr Rechte für Minderheiten in den arabischen Gesellschaften könnte die Autorität der Herrscher auf Dauer untergraben.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. Dezember 2022 um 05:00 Uhr.