Wahlkampfveranstaltung in al-Wakrah (Katar) | AFP

Katar Der Emir lässt ein wenig wählen

Stand: 02.10.2021 05:46 Uhr

Erstmals darf in dem autokratisch regierten Katar auf nationaler Ebene gewählt werden. Die Rechte der Volksvertretung sind zwar beschränkt, und nicht alle dürfen abstimmen. Beobachter sehen aber einen Schritt zu mehr Demokratie.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo, zurzeit Doha

Es ist ein Wahlkampf der etwas anderen Art. Jassim Fakhroo wirbt bei einer Hochzeit in einem Luxushotel von Doha um Vertrauen und Stimmen. Geladen ist eine exquisite Schar vermögender und mächtiger Herren aus Doha. Junge Tänzer führen zu traditonellen Klängen den Schwerttanz auf. Es werden Häppchen gereicht.

Daniel Hechler ARD-Studio Kairo

Die ideale Gelegenheit für den Kandidaten, Kontakte zu knüpfen und zu pflegen, in eigener Sache zu werben, wie er sagt: "Einige hier sagen mir, was sie von mir erwarten, wenn ich Erfolg habe. Wir tauschen uns einfach ein wenig aus."

Die erste Wahl auf nationaler Ebene sorgt für viel Gesprächsstoff in Katar. Mit weniger als drei Millionen Einwohnern ist der Wüstenstaat ein Zwerg am Golf. Er ist dank Öl und Gas aber zugleich ein Global Player mit milliardenschweren Beteiligungen auf der ganzen Welt und reichlich Drang nach Macht und Prestige.

Nicht nur als Vermittler zwischen den Taliban und dem Westen spielt der Emir eine Schlüsselrolle. Tamim Al-Thani holte auch die WM 2022 ins Land und nun die Formel 1. Mehr Demokratie hat der 41-jährige Herrscher schon lange in Aussicht gestellt. Nun endlich haben die Untertanen die Wahl.

Nur ein Teil der Sitze wird gewählt

284 Kandidatinnen und Kandidatin treten für 30 Sitze in der neuen Schura an. 15 weitere vergibt der Emir. Immerhin kann die Volksvertretung Gesetze auf den Weg bringen, den Haushalt verabschieden, Minister entlassen. Das letzte Wort allerdings bleibt beim Herrscher. Demokratie light mit vielen Hürden - und doch ein erster Schritt.

Fakhroo tritt in einem Wahlkreis mit besonders hoher Millionärsdichte an. Der 58-Jährige selbst kommt aus einer vermögenden Familie, arbeitete er als PR-Berater für Medien, Versicherungen und die Regierung, fährt am liebsten Porsche. Nun also will er Abgeordneter werden, ganz auf eigene Rechnung. Parteien gibt es nicht. Seine Mitbewerber darf er ebensowenig kritisieren wie die Regierung.

Der Spielraum ist eng. "Es geht nicht um Kontrolle, sondern Beratung. Aber wir haben auch das Recht zu beraten, überall hinzugehen, wo wir wollen, uns die Situation vor Ort anzuschauen und zu einem Urteil zu kommen", erzählt er. Das sei sehr wichtig.

Kandidaten für die Wahl in Katar lassen sich in Doha registrieren | AFP

Auch die Registrierung der Kandidaten für die Schura läuft geregelt ab - am Ende behält der Emir das letzte Wort. Bild: AFP

Imagepolitur nach internationaler Kritik

In den vergangenen Jahren haben Negativschlagzeilen das Image des Emirats angekratzt. Rund um die WM-Vergabe wurden Korruptionsvorwürfe laut. Arbeiter würden auf den Baustellen bei Gluthitze zu Dumpingpreisen ausgebeutet, viele seien deshalb zu Tode gekommen, sagen Menschenrechtsorganisationen. Die Regierung weist all das zurück, verweist auf Mindestlöhne und mehr Rechte für die Arbeiter. Schrammen blieben allerdings.

Nun könnten die ersten Wahlen ein Lichtblick in einer Region sein, in der Demokratie und Menschenrechte ansonsten ein Schattendasein führen. Der PR-Profi Zaid Al-Hamdan berät gleich mehrere Kandidaten im Wahlkampf und hofft nun auf eine Imagepolitur im Westen: "Natürlich hilft das! Es ist ein historischer, erster und guter Schritt nach vorne", meint er. Schließlich werde nun ein demokratischer Prozess angestoßen, der mehr Pluralität und Offenheit ermögliche.

Harte Strafen für Kritiker

Und doch regt sich auch Protest. Nur Staatsbürger, deren Vorfahren schon vor 1930 in Katar lebten, dürfen wählen gehen. Etwa jeder fünfte Katari ist damit ausgeschlossen. Alle Ausländer in Katar - etwa 90 Prozent der Einwohner - bleiben ohnehin außen vor.

Kritik daran wurde von Sicherheitskräften unterbunden, wie Hiba Zayadin von Human Rights Watch kritisiert. "Viele, die diese willkürliche Entrechtung von Wählern öffentlich kritisiert haben, wurden dafür hart bestraft", sagt sie. "Wir haben erlebt, dass Menschen über Wochen in Haft mussten, ohne Rechtsbeistand."

Ein Kellner serviert auf einer Wahlkampfveranstaltung in Katar den teilnehmenden Männern Tee | AFP

Unter Männern: Auf dieser Wahlkampfveranstaltung gibt es einiges zu besprechen, und Tee wird auch serviert. Bild: AFP

Den Spielraum nutzen

Jassim Fakhroo dagegen freut sich auf die ersten Wahl in seiner Heimat und setzt auf Sieg. Sein Sohn hat ihm geholfen, etliche Werbeclips in den sozialen Medien zu posten.

Fakhroo tritt in Diskussionsveranstaltungen auf und ist fest entschlossen, als Volksvertreter etwas zu bewegen, auch wenn der Spielraum eng bleibt. "Ich bin glücklich", sagt er. "Jetzt müssen wir es auch zu einer Erfolgsgeschichte machen."

Parlamentskandidatin Leena Nasser al-Dafa nimmt an einer Wahlveranstaltung in Doha teil. | AFP

Auch Frauen dürfen kandidieren - wie Leena Nasser al-Dafa, die hier an einer Wahlveranstaltung in Doha teilnimmt. Bild: AFP

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 01. Oktober 2021 um 21:45 Uhr.