Kassym-Schomart Tokajew (M), Präsident von Kasachstan, nimmt an einer Sitzung des Sicherheitsrates teil. | dpa

Politische Lage in Kasachstan Machtumbau im Schatten der Unruhen

Stand: 09.01.2022 07:15 Uhr

Während aus der kasachischen Metropole Almaty weiter Schusswechsel gemeldet werden, zieht Präsident Tokajew bereits politische Konsequenzen: Er baut den Machtapparat um und besetzt zentrale Posten mit eigenen Gefolgsleuten.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Sirenenalarm am Abend in Almaty. Das Fernsehen strahlt eindringliche Warnungen aus. Die Menschen sollen Zuhause bleiben. Wenn in der Nähe ihres Hauses eine "Anti-Terror-Operation" stattfinde, sollten sie sich von Fenstern fernhalten.

Christina Nagel ARD-Studio Moskau

Nach wie vor werden aus der kasachischen Metropole Schusswechsel und Explosionen gemeldet. Die Lage ist noch immer nicht unter Kontrolle. Auch in der Stadt Taldykorgan gehen die Unruhen offenbar weiter.

Der kasachische Präsident Kassym-Jomart Tokajew erklärte in einem Telefongespräch mit Russlands Präsident Wladimir Putin, dass es noch immer einzelne Brennpunkte gebe. Insgesamt aber stabilisiere sich die Lage im Land.

Auch hochrangige Beamte festgenommen

Nach offiziellen Angaben wurden in den vergangenen Tagen mehr als 5100 Menschen festgenommen, unter ihnen auch hochrangige Beamte, wie der ehemalige Geheimdienstchef Karim Massimow. Dem langjährigen Vertrauten des früheren Präsidenten Nursultan Nasarbajew wird Hochverrat vorgeworfen.

Auch andere loyale Gefolgsleute Nasarbajews, der im Hintergrund weiter die Fäden gezogen hat, wurden aus Schlüsselpositionen des Machtapparates entfernt.

Es scheine, als sei das Ende der Ära Nasarbajews gekommen, sagt Temur Umarow vom Moskauer Carnegie Center. In der Tat deutet vieles darauf hin, dass Präsident Tokajew die Unruhen genutzt hat, um seinen Einfluss auszuweiten.

Kassym-Schomart Tokajew, Präsident von Kasachstan, nimmt an einer Sitzung des Sicherheitsrates teil. | dpa

Der kasachische Präsident Kassym-Schomart Tokajew Bild: dpa

Viele Entlassungen in kürzester Zeit

Gleich zu Beginn der Proteste hatte er die Regierung unter Asqar Mamin entlassen, einem Protegé Nasarbajews. Nun musste auch der stellvertretende Sekretär des Sicherheitsrates gehen. Tokajew selbst setzte sich an die Spitze des mächtigen Gremiums - und verdrängte damit seinen Vorgänger Nasarbajew.

"Nasarbajew ist für das gesamte System zu einer Belastung geworden. Deshalb die Entscheidung, ihn jetzt los zu werden. Ihm Garantien zu geben, damit er von selbst geht", erklärt der Zentralasienexperte Umarow.

Nasarbajew ließ seinen Sprecher inzwischen erklären, dass er hinter Präsident Tokajew stehe. Und er alle aufrufe, dies ebenfalls zu tun.

Sobald Tokajew die Lage im Land wieder unter voller Kontrolle hat, dürfte sich zeigen, wie er seine neue Macht nutzen wird. Dass er bereit ist, einen harten Kurs zu fahren, hat er nicht zuletzt mit seinem Schießbefehl klar gemacht.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 09. Januar 2022 um 08:06 Uhr.